„Underground II“ in Wuppertal zeigt Pina Bauschs Erben

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Halten und klammern: Silvia Munzón López & Cagdas Ermis tanzen in Wuppertal. - Foto: Marczewski

Von Edda Breski -  WUPPERTAL Voll Melancholie ist der Abend „Underground II“, den das Tanztheater Wuppertal in den Hallen der Firma Riedel in Elberfeld zeigt. Er versammelt eine Reihe von Choreografien und Ausschnitten, in denen Ensembletänzer ihre Arbeit auf ihre Wurzeln und Richtungen untersuchen. Ein zweiter Teil zeigt, wie sich die Truppe tastend auf Terrain jenseits der alles überstrahlenden Pina Bausch bewegt.

Diese Werk-Schauen verbinden Performance, Installation und lockeres Get-Together, in der Kantine gibt es Suppe. Am Ende steht das Wissen, dass es die Familie Bausch noch gibt, aber nur wenig mehr.

Intimität ist das Thema des Auftritts von Silvia Farias Heredia. Sie dreht sich nackt in einem weiß bespannten Würfel. Ihr Körper wird überlagert von Bildern aus ihrer Kindheit, von ihrer Tanzausbildung, Familie, Mutterschaft, zum Schluss von Proben. Denn im Tanz enthüllt sich der Tänzer und wird zugleich zur Projektionsfläche. Pina Bausch hat stets mit dieser Art der Identitäts-Vervielfachung gearbeitet. Choreografien basieren auf Erfahrungen der Tänzer, in ihrem realen Leben wurzelt die Kunst. In „Apple Ghost“ bittet Nayoung Kim das Publikum um einen Kamm. Sie bekommt ihn und frisiert ihr Haar um: „So gehe ich privat, so tanze ich“, erklärt sie, begibt sich auf eine Zeitreise rückwärts durch ihr 48 Jahre langes Leben, bis zu ihrer Geburt, die sie mit einem Apfel darstellt, dem alten Symbol für Fruchtbarkeit. Das Publikum zieht von Station zu Station mit. Wer sich auf den Boden setzt, kommt den Tänzern sehr nah.

Die Kantine hat in der Perspektive etwas von einem Edward-Hopper-Gemälde, vor allem weil im Hintergrund die Köche mit ihren polierten Geräten hantieren, während vorne getanzt wird. Das Duett „Clandestine“ haben Nazareth Panadero, 59, und Michael Strecker 2013 im PACT Zollverein vorgestellt, eine Schöpfung im Bausch-Geist, ganz im Alten verwurzelt: die beiden erzählen eine gemeinsame Geschichte. Die Stühle, mit denen sie arbeiten, erinnern an das Bausch-Stück „Café Müller“.

Der junge Australier Paul White, 31 Jahre alt und neues Ensemblemitglied, wird nackt hereingeschleift, dann zieht ihm einer eine Superman-Unterhose über. Auf diesen ironischen Kommentar folgt eine persönliche Geschichte. White zieht einen Showanzug an und steppt seinem eigenen Vorbild auf Video nach, aber er kann sich selbst nicht kopieren, fällt, rappelt sich auf, wechselt die Kleidung. „So“, erklärt er im dunklen Anzug, „bin ich nach Wuppertal gekommen.“ Schöne Pointe: Vor der Kantinentür hockt White danach als Bettler: „Hatte mal Talent“, steht auf seinem Pappschild.

Erfahrung, Symbol, persönliches Leben und Bühnenrealität überlagern sich, typische Bausch-Choreografien leben von diesen Überlagerungen der Ebenen. In der zweiten Hälfte nimmt der Regisseur und Choreograf Jorge Puerta Armenta das Thema Intimität wörtlich. Seine Tänzer umschlingen sich, zeigen ihre glatte, jugendliche Körperlichkeit. Eine zweite Ebene führt Armenta ein, indem er neben die Paare, die sich bilden, Beobachter stellt, mit Taschenlampen, die bis fast in die offenen Münder gehalten werden – teils teilnehmende Beobachtung, teils Voyeurismus. Armenta nutzt die langen Gänge, die Werksästhetik der Riedelhallen; er verweist auf den Wenders-Film, der Pina Bauschs Hinterlassenschaft in enger Verbindung zu der urbanen Umgebung zeigt, in der sie entstanden ist, und stellt seine Tänzer auf einem Werksturm und einem Schrägdach auf. Die Kreativität ist da. Seine noch unfertige Arbeit wirkt glatt, jung und ziemlich hedonistisch.

Quelle: wa.de

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