Umberto Ecos Roman „Der Friedhof von Prag“

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Umberto Eco ▪

Simone Simonini kennt sich aus. Er weiß, dass „der schwierigste Teil bei einem Mord das Verbergen der Leiche ist, das muss wohl der Grund dafür sein, warum Pfarrer davon abraten, jemanden zu töten, außer natürlich im Krieg, wo man die Toten für die Geier liegenlässt“. Der Italiener notiert das im April 1897 in seinem geheimen Tagebuch. Es sind Erinnerungen eines Mörders, Agenten, Lügners und Fälschers. Ein hinreißender Schurke. Genau der richtige Held für Umberto Ecos neuen Roman „Der Friedhof von Prag“. Von Ralf Stiftel

Simone Simonini findet immer einen Ausweg. Die Leiche schafft er in die Kanalisation von Paris, wo sie von Abwässern und Ungeziefer zersetzt werden soll. Der Abbé, den er aus dem Weg schafft, wird nicht der einzige Mensch sein, den er dort entsorgt. Ecos Buch kommt als historischer Roman daher. Aber die einzige erfundene Figur darin ist ausgerechnet der widerwärtige Menschenfeind Simonini. Er dient dem Autor als Kristallisationspunkt für eine monströse Verschwörungstheorie.

Der titelgebende Friedhof ist Schauplatz einer erfundenen Versammlung jüdischer Rabbiner, die dort ihre Weltherrschaft planen. Die Mitschrift wurde als „Protokolle der Weisen von Zion“ zu einem der folgenreichsten literarischen Werk des 20. Jahrhunderts, obwohl sie schon früh als Fälschung entlarvt wurden. Hitler berief sich natürlich auf sie. In arabischen Ländern kursieren sie bis heute, der saudische König Faisal hat sie Staatsgästen geschenkt. Eco, der Professor für Semiotik an der Universität Bologna, spürt den Quellen dieser Schrift nach, deren Autor unbekannt ist. Aber originell ist sie nicht, sie ist eine Montage aus dem anti-napoleonischen Pamphlet eines Maurice Joly, das überhaupt nicht von Juden handelt. Es flossen Passagen aus Kolportageromanen von Eugène Sue ein.

Wie eine große Kolportage legt Eco sein Buch an. Simonini, ursprünglich nichts weiter als ein korrupter Notar, der Testamente und ähnliche Papiere fälscht, greift immer neu in die Geschichte ein. Sei es im Befreiungskrieg um den italienischen Nationalhelden Garibaldi, sei es im Aufstand der Kommune im deutsch-französischen Krieg von 1870/71, sei es in der Affäre um den fälschlich der Spionage bezichtigten jüdischen Hauptmann Dreyfus. In der Wirklichkeit hingen diese Ereignisse nicht zusammen. Bei Eco aber steckt immer der Oberschurke dahinter, ob nun ein Schiff mit der Kriegskasse der Freiheitskämpfer sinkt oder ob belastendes Material gegen Dreyfus auftaucht.

Ecos Held ist ein Psychopath. Er leidet unter einer traumatisch bedingten Persönlichkeitsspaltung. Aber der Autor schildert ihn geradezu liebevoll, malt seine Abneigungen aus. Simonini hasst sie alle: Die Juden. Die Freimaurer. Die Jesuiten. Die Priester allgemein. Die Frauen. Die Deutschen, die „im Durchschnitt doppelt soviel Fäkalien wie ein Franzose“ produzieren, zu Lasten des Hirns. Wobei Simonini die Franzosen natürlich auch nicht liebt. Und er ist sicher: „Ich habe keine Vorurteile.“ Das einzige, was ihn aufrichtet, ist gutes Essen. Wenn er Rezepte notiert, wird der Fälscher zum Poeten. Simonini frisst, fälscht, mordet. Es ist eine hübsche Pointe, wie entrüstet er reagiert, als der deutsche Autor Hermann Goedsche eine Passage aus seinen gefälschten Protokollen in einem Roman einbaut, ein Plagiat, das seine Pläne durchkreuzt. „Er war zu allem bereit, um ein paar Taler zusammenzukratzen. Es gibt wirklich keine Religion mehr.“

Eco breitet das in einer komplexen Konstruktion aus: Ein anonymer Erzähler führt den Leser zu den Dokumenten, zum einen die Aufzeichnungen Simoninis, dann auch Briefe seines zweiten Ichs, des Abbé Dalla Piccola. Schließlich rafft der Erzähler allzu ausschweifende Erinnerungen. Das ermöglicht Eco Wechsel in der Perspektive, Kommentare, Distanzierungen.

Aktuell ist der Stoff allemal geblieben. An die „Protokolle“ glauben heute zwar nur noch Ideologen und Spinner. Aber von Verschwörungstheorien wimmelt es in Zeiten des Internet mehr denn je. Eco führt scharfsinnig vor, wie sie in die Welt kommen. Sein Kunstgriff besteht darin, dass er historischen Personen und ihre Äußerungen in einen absurd komischen Abenteuerschmöker zurückmontiert. So erschrickt man, wenn man plötzlich von der „Endlösung“ liest, die russische Antisemiten schon planten, lange ehe die Nazis sie real in Angriff nahmen. Auch die zynische Überschrift über dem KZ-Tor gab es schon lange davor: „Arbeit macht frei“, zitiert Eco den deutschen Autor Goedsche, der seine Fantasien von Zwangsarbeit ausbreitet.

Aber Eco geht noch weiter und lässt Simonini einen Sprengstoffanschlag auf eine U-Bahn planen. Es hängt alles mit allem zusammen, sagt uns der Zeichentheoretiker, und führt uns eine Blaupause des Terrors vor. Ecos Roman ist nur ein literarisches Spiel, lebt von der Ironie (nicht zuletzt in der letzten Pointe), die den Unterschied ausmacht zum realen Wahn, von was auch immer der befeuert wird. Eco spielt alles nur durch – im Zeichen der Vernunft.

Das Buch

Eine überschäumende Verschwörungsfantasie, montiert aus vielen Zitaten historischer Figuren: Umberto Eco: Der Friedhof von Prag. Deutsch von Burkhart Kroeber. Verlag

C. Hanser, München. 524 S.,

26 Euro

Quelle: wa.de

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