Was den beliebten Preußen-Kaiser Friedrich III. wirklich bewegte

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Das historische Gemälde feiert Friedrich Wilhelm, der in der Dorfschule von Bornstedt aushilft. Den Lehrer schickte der preußische Kronprinz zu dessen sterbender Mutter. Die Geschichte wurde verbreitet, die Nation war gerührt und begeistert.

Von Jörn Funke BERLIN - Hochgewachsen, blauäugig, von liberaler Gesinnung und herzlich im Umgang, auch mit einfachen Untertanen – Prinz Friedrich Wilhelm von Preußen war im 19. Jahrhundert der Star der Hohenzollern-Dynastie. Auf den Thron musste er lange warten, schließlich wurde sein Vater Wilhelm I. stolze 91 Jahre alt. Als der Kronprinz im „Dreikaiserjahr“ 1888 als Friedrich III. endlich das Erbe antrat, war er bereits todkrank und wurde nicht mehr als ein Übergangsmonarch; ihm folgte sein Sohn Wilhelm II.

Heute vor 125 Jahren starb der „99-Tage-Kaiser“. Der Historiker Frank Lorenz Müller zeichnet sein Leben nach und kommt zu überraschenden Schlüssen.

Wäre alles anders gekommen, wenn der Kaiser nicht so früh gestorben wäre? Seit Friedrichs Tod haben Anhänger und Historiker diese Frage gestellt; zuletzt vermutete Heinrich August Winkler („Der lange Weg nach Westen“), eine längere Regierungszeit des liberalen Friedrich hätten einen Ausgleich mit Großbritannien herbeigeführt. Hätte der Erste Weltkrieg, die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“, womöglich gar nicht stattgefunden, wenn statt Wilhelm II. dessen Vater regiert hätte?

Frank Lorenz Müller ist da skeptisch. Der deutsche Historiker, Jahrgang 1970, lehrt im schottischen St. Andrews und hat sich intensiv mit der deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts beschäftigt. Seine Biographie beschäftigt sich notwendigerweise mit der Frage „was wäre wenn?“, die unter Historikern sonst eher als Spielerei gilt. Bei Friedrich Wilhelm von Preußen liegt sie nahe, schließlich war sein gesamtes politisches Leben auf die Erwartungen an seine Herrschaft zugeschnitten. Tatsächlichen Einfluss auf Entscheidungen kann man ihm nicht zubilligen.

Dennoch lohnt die Beschäftigung mit dem 99-Tage-Kaiser, weil sein Schicksal die Funktionsweise des Hohenzollern-Reichs verdeutlicht. An der Spitze des preußischen Königreichs und ab 1871 des deutschen Kaiserreichs stand mit Wilhelm I. ein Monarch, der sich noch durch und durch als Soldat verstand und seinem Kanzler Otto von Bismarck weitgehend freie Hand ließ. Friedrich Wilhelms Jugend scheint nach Müllers Schilderung nicht unglücklich gewesen zu sein, doch mit zunehmendem Alter entfremdeten sich Vater und Sohn, wohl auch wegen politischer Differenzen. Für Argwohn am Hof und in der Öffentlichkeit sorgte Friedrich Wilhelms Frau Victoria, eine Tochter der englischen Königin. Sie wurde in konservativen Kreisen als britische Agentin betrachtet und machte ihrerseits immer wieder deutlich, dass sie Großbritannien Preußen gegenüber für zivilisatorisch überlegen hielt.

Spätestens seit der Hochzeit mit Victoria galt der Kronprinz als liberal und machte daraus auch keinen Hehl. Er kritisierte die wirtschaftliche Abschottung Deutschlands durch Schutzzölle, besuchte demonstrativ Synagogen, um sein Missfallen gegenüber antisemitischen Ausfällen zu bekunden, umgab sich mit Vertretern der Freisinnigen Partei. Die Machtprobe mit seinem immer konservativer werdenden Vater suchte Friedrich Wilhelm aber nur einmal: Als er 1863 öffentlich gegen ein verschärftes preußische Pressegesetz protestierte, zog er den väterlichen Zorn auf sich. Widerwort, so kann man Müllers Darstellung ablesen, gab der Kronprinz fortan nicht mehr.

Im Gegenteil, Friedrich Wilhelm akzeptierte eine Maßregelung durch Wilhelm I. und Bismarck, die man heute als Gängelung verstehen muss. Die Persönlichkeit des Kronprinzen kam dem offenbar entgegen.

Sein Umfeld, schreibt Müller, habe ihn für einen politischen Dilettanten gehalten. Er habe schnell das Interesse an Themen verloren und sich in Selbstmitleid geübt. Zudem, so Müller weiter, waren Friedrich Wilhelms Ansichten in einigen Beziehungen durchaus konservativ. Von Bismarcks Sozialgesetzen hielt der angehende Kaiser wenig. Und das Militär war ihm – wie dem Vater – heilig.

Prinz Friedrich Wilhelm träumte von einer Wiederauferstehung des mittelalterlichen Kaisertums, schreibt Müller, mit allem Pomp und unumschränkter Herrschergewalt. Sein joviales Auftreten gegenüber Bürgertum und Arbeiterschaft war da kein Gegensatz, er ließ sich bewusst als „Freund des Volkes“ in Szene setzen. Die publizistischen Möglichkeiten der Monarchie erkannte Friedrich Wilhelm als einer der ersten.

Ein Vorfall in einer Dorfschule, wo der Kronprinz bei einer Inspektion den Lehrer zu dessen sterbender Mutter schickte und den Unterricht kurzerhand selbst übernahm, rührte die Nation. Und vor einem Hohenzollern-Museum, das er in Berlin einrichten ließ, bildeten sich lange Schlangen. Privat, so schreibt Müller, sei Friedrich Wilhelm wohl ein reizender Mensch gewesen, ein liebender Ehemann und Vater. Victoria war beste Freundin und engste Beraterin. Nur das Verhältnis zum ältesten Sohn zerbrach – Wilhelm II. hasste besonders seine Mutter geradezu.

Friedrich Wilhelms Ende war tragisch – und auch das rührte die Öffentlichkeit seinerzeit. 1887 wurde beim Kronprinzen Kehlkopfkrebs diagnostiziert, den deutsche und britische Ärzte mit teils brutalen Mitteln heilen wollten, sich dabei aber medienwirksam stritten. Als Friedrich III. seine Herrschaft antrat konnte er bereits nicht mehr sprechen, für wirkliche Initiative fehlte ihm in den 99 Tagen die Kraft.

Friedrichs Beisetzung fand praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, so als wolle Wilhelm II. dieses Zwischenspiel schnell vergessen machen.

Präsent geblieben ist Friedrich III. in den folgenden Jahren, für die Liberalen als der zu früh gestorbene Hoffnungsträger und für die Konservativen als Herrscher und Kriegsheld – er hatten im Deutsch-französischen Krieg die bayerische Armee geführt. Denkmäler, die Wilhelm II. in Auftrag gab, zeigen dessen Vater durchweg in Feldherrenpose – und das, so schreibt Müller süffisant, hätte Friedrich III. wohl durchaus gefallen.

Frank Lorenz Müller: Der 99-Tage-Kaiser. Friedrich III. von Preußen. Prinz, Monarch, Mythos. Siedler-Verlag: München 2013. 459 Seiten. 24,99 Euro.

Quelle: wa.de

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