Tschechows „Auf der großen Straße“ am Theater an der Ruhr in Mülheim

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Ein Elend in zeitlosem Blau: Szene aus Tschechows Skizze „Auf der großen Straße“ am Theater an der Ruhr in Mülheim mit Gabriella Weber, Rupert J. Seidl und Klaus Herzog (von links).

Von Eva Schäfers Mülheim - Der Wind heult. Donnersalven krachen über die ängstlich zusammenzuckenden Menschen. Sie schweigen. Worte fallen in die Stille. Einen Schnaps verlangt einer. In einer Spelunke haben sie Unterschlupf gefunden: Landstreicher, Pilgerinnen, Trinker. Sind das nicht die Geschöpfe aus Gorkis Nachtasyl? Nein, tatsächlich haben wir es mit Tschechow zu tun, der in ein ganz anderes Milieu eingetaucht ist. Unglücklich aber sind sie genau wie die feinen Gutsbesitzer mit ihren Kirschgärten.

„Auf der großen Straße“, das im Theater an der Ruhr Premiere feierte, ist kein abendfüllendes Stück, sondern eigentlich nur eine dramatische Skizze – die es in sich hat. Als Koproduktion mit dem Grand théâtre de la ville de Luxemburg hat sie der Regisseur Jo Fabian in Szene gesetzt, der die derb-volkstümlichen Dialoge im Laufe der Proben auch noch stark eingestrichen hat. Lydia Bruch und Sven Schlötcke, die das Stück aus dem Russischen neu übersetzt haben, ging es darum, das Milieuhafte zu tilgen und stattdessen den frappierenden Gleichnischarakter herauszustellen.

So ist auch die Bühne, die Jo Fabian ebenfalls entworfen hat, keine naturalistische, russische Absteige der Armut, sondern ein atmosphärisch starker Theaterraum aus blauem Licht und einem wie Wasser glitzernden Parcours vor der Kneipe, der für die regennasse Landstraße steht. Minimalistisch zurückgenommen sind auch die schwarzen Gewänder mit großen Tüchern über den Köpfen, die die Menschen mehr verstecken als zeigen. Hier geht es nicht um einen bestimmten Ort, eine bestimmte Zeit, ein bestimmtes Milieu: es geht um uns Menschen schlechthin.

Der Trinker Borzow (Rupert J. Seidl), unter dessen Kapuze wir eine scheußliche Wunde entdecken, hat Durst, aber kein Geld. Er beißt sich in die Fingernägel, er plärrt und kichert, und er bettelt den Wirt Tichon (Klaus Herzog) an um ein Gläschen Schnaps. Der bleibt hart und verlangt einen Fünfer. Borzow beschimpft den Geizkragen: „Im Hals soll er dir stecken bleiben!“ Tatsächlich scheinen in Tichons Hals und Backe schon viele Münzen zu stecken, denn sie ist so prall gefüllt, dass er mit seinem Zeigefinger außen daran herumrührt.

Sawwa, ein alter Mann (Peter Kapusta), liegt todkrank unter seinem Mantel, und immer wieder schauen die beiden alten Pilgerinnen darunter (Petra von der Beek und Simone Thoma wirken sehr frisch für Achtzigjährige). Sie wollen überprüfen, ob er noch lebt. Die beiden werden vom Fabrikarbeiter Fedja, einem Weiberhasser und Angeber mit groß ausholenden Gesten (Steffen Reuber), für ihre frömmlerischen Reden beschimpft, und sie giften zurück. Alle reden sie, aber sie sprechen nicht miteinander, verharren in Hass, Vorurteilen, Revierkämpfen.

Da taucht der Landstreicher Merik (Albert Bork) auf, schwenkt immerfort aggressiv mit seiner Axt und gefällt sich darin, alle einzuschüchtern. Als er den Wirt auffordert, ihm die Stiefel auszuziehen, scharen sich die anderen um die beiden wie sensationsgierige Gaffer, um sich an der Demütigung des Wirts zu weiden. Ausgerechnet aber Merik versucht, so etwas wie Solidarität, Mitgefühl zu wecken – aber er scheitert.

Ein Durchreisender, Kusma (Fabio Menéndez), erscheint, der in dem kranken und heruntergekommenen Borzow seinen ehemaligen Herrn wiedererkennt. Und er erzählt von Borzows Ruin. Wie seine junge, mit dem Hinterteil wackelnde Frau, in die er vernarrt war, ihn noch in der Hochzeitsnacht für einen anderen verlassen habe. Und aus Kummer hat der schwerreiche Borzow sein Vermögen verschleudert und versoffen.

Es passt zu dieser feinfühligen, traurigen und bis ins Detail bildlich und psychologisch durchkomponierten Inszenierung, dass das Stöhnen Borzows, den der Entzug und Kusmas schonungslose Entlarvung gleichermaßen quälen, die Erzählung Kusmas rhythmisch punktiert. Kein Naturalismus waltet hier, sondern Stilisierung auf allen Ebenen, bis zu den raffinierten Auftritten von der Landstraße in die Kneipe, die sich fast unbemerkt vollziehen.

Nein, die Menschen haben kein Mitleid miteinander. Allenfalls deuten die drei Tanzszenen, in denen sie mit weit ausgestreckten Armen über die Tanzfläche schweben wie große schwarze Krähen, einen zarten Schimmer der Hoffnung an. Ein wunderschöner, todtrauriger Abend, dem viele Zuschauer zu wünschen sind.

2., 24.4.,

Tel. 0208/ 599 01 88,

www.theater-an-der-ruhr.de

Quelle: wa.de

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