Unsere Reporterin Sabine Fischer bilanziert

Trotz Unwetter: „Rock am Ring“ startet in Mendig legendenreif

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Campino, Frontmann der „Toten Hosen“ beim Festival „Rock am Ring“ am neuen Standort in Mendig.

Mendig - Die Stadion-Hymne „You’ll never walk alone“ ertönt, Konzertveranstalter Marek Lieberberg, eine Gitarre um den Hals gehängt, betritt die Bühne. Die Gitarre wirkt fast wie ein Fremdkörper im Outfit des Geschäftsmannes, der für die Toten Hosen in die Rolle des Ansagers schlüpft.

30 Jahre Rock am Ring – zu diesem Geburtstag darf eine Konstante wie Hosen-Frontmann Campino nicht fehlen. Erst recht nicht, wenn Rock am Ring nicht mehr am Nürburgring stattfindet. Deutschlands größtes Festival ist umgezogen – und 90.000 Fans sind den Veranstaltern zum stillgelegten Militär-Flughafen in Mendig gefolgt.

Ein Großteil von ihnen ließ sich nur zu gerne darauf ein, mit Campino den Geist von Woodstock zu beschwören: „Ich bin mir sicher – die Hippies von früher wären heute Punks und die Punks wären früher Hippies gewesen“, rief der Düsseldorfer. Tatsächlich sollten sich gegen Ende des Konzertes über den Besuchern ähnliche Wassermassen entladen wie in Woodstock.

Zerschmetterte Zelte und Pavillons, drei schwerere Blitzeinschläge, davon einer in den Backstagebereich, und 33 Verletzte hielten Veranstalter und Rettungskräfte auf Trab. Die Unwetter kamen unvermittelt, Warnungen waren lediglich für das Umland ausgegeben worden. Zwischenzeitlich wurde überlegt, die Veranstaltung abzubrechen, aber bei der Premiere aufzugeben, kam für Marek Lieberberg offenbar nicht in Frage. Allerdings wurde Fritz Kalkbrenners spätnächtlicher Auftritt abgebrochen.

Campen und Musikerleben sind zusammengerückt

Campen und Musikerleben sind in Mendig näher zusammengerückt. Doch wenngleich alles kompakter geworden ist, fühlt sich vieles freier, lockerer und ungezwungener an. Musste man einst an der Rennstrecke für die Top-Acts bereits Stunden vor Konzertbeginn Warteposten vor den Einlassschleusen beziehen, um einen guten Platz zu ergattern, ist auf dem neuen Gelände keine Eile mehr geboten. Und das, obgleich die Besucherzahlen deutlich gestiegen sind. Die Menge fließt, man pilgert entspannt zwischen den beiden Hauptbühnen hin und her.

Nachdem man am Ring in den letzten Jahren auf Konzertzelte verzichtet hatte, wurde in Mendig wieder eines aufgebaut. Dort mussten Fans Wartezeiten in Kauf nehmen: Etwa bei den extrem angesagten Three Days Grace“und Hollywood Undead. Hunderte von Menschen trafen sich in biergartenähnlichen Anlagen und ließen sich vom nostalgischen Charme einer Mini-Kirmes verzaubern. Ob Punk oder Metalhead, im Riesenrad gönnten sich viele eine Portion Romantik und gewannen einen Überblick über das Neuland, das man in Mendig betreten hatte.

Zu den Auftritten, die in den kommenden Jahren der Legenden-Bildung der Ring-Rocker dienen werden, zählt der der Toten Hosen. Sie hatten das letzte Festival am Ring beendet und während ihres Auftrittes darauf gepocht, dass der Ring eine Idee und eine Gemeinschaft sei und nicht an einen Veranstaltungsort gebunden. Somit schloss sich der Kreis, als sie am Freitag als erster Headliner auf der Hauptbühne dort weitermachten, wo sie im vergangenen Jahr aufgehört hatten.

Campino gab sich sowohl gesellschaftskritisch als auch partytauglich, brach wie immer mit den Sicherheitsbestimmungen, indem er von der Bühne in die Menge sprang, Crowdsurfing betrieb und letztlich einen Lichtmast erklomm, nur um festzustellen, dass seine bereits vom Regen angefeuchtete Fackel nicht zünden mochte. Er teilte Schnaps und Bier mit den Fans, die einen stimmgewaltigen und Fahnen schwenkenden Chor bildeten, der unter anderem „Nazis raus“ skandierte, dem an Lungenkrebs erkrankten Schlagzeuger Wölli „Steh auf“ als Videobotschaft übermittelte und schließlich „You‘ll never walk alone“ singend in das Unwetter zog, nicht ohne zuvor noch das eine oder andere bengalische Feuer gezündet zu haben.

Slash mit kraftvollen Guns 'N Roses-Hits

Slash betrat die Bühne mit Sänger Myles Kennedy und The Conspirators und präsentierte unter anderem die alten Guns-‘n‘-Roses-Hits derart kraftvoll, wie man sie noch zu Axl Roses Zeiten nie gehört hatte. Wer ins Zelt eintauchte, konnte neue Perlen entdecken wie etwa die Blues Pills, Hippies des Hier und Jetzt. Die Schweden überzeugten mit einer stimmgewaltigen Frontfrau Elin Larsson, obgleich der Sound im Zelt noch wenig austariert war und die Fans manches Mal Klangbrei filtern mussten, um die Güte des Gebotenen erkennen zu können. Leichter fiel das natürlich bei Bands wie Tremonti und All That Remains, die sich mit Druck durchsetzten. Am Ring hatte man Jahre darauf verwenden können, den idealen Sound auf den Bühnen zu kreieren und die Schnittmengen dazwischen gering zu halten. Dieser Arbeit wird man sich in Mendig wieder widmen müssen.

Deichkind lieferten zu später Stunde eine Materialschlacht: furiose Kostüme, Choreografien und eine multifunktionale Effekt-Kulisse begeisterten Tausende. Ausgelassen getanzt wurde zu Bands wie Kraftklub und The Prodigy. Kraftklub-Sänger Felix Brummer erhielt jubelnde Zustimmung, als er um Asyl in den Zelten bat. Daran änderte auch sein Hinweis, dass die Band seit Tagen ihre Hygienebemühungen eingestellt habe, nichts. Eher etwas für echte Fans war der Auftritt von Marilyn Manson, der von seinen alten Hits zehrte und in diesem Bewusstsein wohl auch nachfragte, ob sich wohl noch jemand an ihn erinnere. Sein Auftritt, zu dem auch die musikalische Interpretation des richtigen Tempos eines Geschlechtsaktes gehörte, dürfte eher weniger zur Legendenbildung am neuen Standort beitragen.

Viele Beschwerden aus der Nachbarschaft

Schon eher dazu angetan sind wohl dutzende Beschwerden von Anwohnern wegen Ruhestörung, die bei der Polizei eingingen, darunter auch der Fake-Anruf einer Frau, die ankündigte, ihr Nachbar wolle das Problem nun mit einer Schusswaffe zu lösen versuchen. In der Region zeigt man sich allerdings überwiegend angetan von der Standortverlegung, da das Gelände doch so viel mehr Möglichkeiten biete als der Schlauch der Rennstrecke. Etliche Eifeler waren im Vorfeld der Einladung der Festival-Leitung gefolgt, die Aufbauarbeiten live zu verfolgen und sich beim Bummel über das Gelände ein Bild von der neuen Großveranstaltung zu machen.

Gegenseitige Akzeptanz ist entscheidend für den Erfolg des neuen Standortes. Viele Fans führte der Weg nach Mendig vorbei am verwaisten Nürburgring. Am Ende allen Streits findet dort nun gar kein Festival mehr statt. An eine Rückkehr von „Rock am Ring“ ist erst einmal wohl nicht zu denken. Wie bekannt wurde, hat Veranstalter Marek Lieberberg für das Flughafengelände in Mendig einen Fünf-Jahres-Vertrag gezeichnet. Option auf Verlängerung inklusive.

Quelle: wa.de

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