Trophäen und Schrumpfköpfe: Herne zeigt „Schädelkult“

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Souvenir für Captain Cook: Der mumifizierte Maori-Schädel in der Herner Schau ▪

Von Ralf Stiftel ▪ HERNE–Er sieht uns nicht. Er hat die Augen geschlossen. Aber die feinen Tätowier-Linien lassen sein Antlitz noch im Glaskasten lebendig aussehen. Captain James Cook hat den mumifizierten Kopf eines Maori auf seiner ersten Reise erworben, vor 1770. Ein Souvenir aus Neuseeland. Heute ist es im Westfälischen Museum für Archäologie zu sehen, in der Ausstellung „Schädelkult“.

Es erscheint seltsam, vielleicht abstoßend, einen Teil des menschlichen Körpers so zur Schau zu stellen, wie es hier geschieht. Man hat rund 300 Objekte aus allen Kontinenten, von der Steinzeit bis in die Gegenwart, und immer wieder hat man Knochen, getrocknete Haut, Schrumpfköpfe, Skalps. Die Schädel, das zeigt gleich der Anfang der Ausstellung, gehören in die abendländische Kultur. Man sieht Schädel aus Beinhäusern, liebevoll mit ihren Namen beschriftet. Man sieht verzierte Reliquien von Heiligen. Europa sei der Kontinent mit dem facettenreichsten Schädelkult, sagt Wilfried Rosendahl, der die Schau für das Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museum konzipierte. Als Motiv findet man den Schädel fast überall: Im barocken Stillleben, in Werbung und Pop-Kultur, als Warnsignal. Das teuerste Kunstwerk der Welt schuf Damien Hirst, der einen Schädel mit Diamanten besetzte und „For The Love Of God“ nannte. Dieses kostbare Kitschobjekt zeigt das Museum nicht – zu teuer. Aber die Kopie eines anonymen polnischen Straßenkünstlers aus Plastik und Glaskristallen: „For The Laugh Of God“.

Westliche Überheblichkeit ist unangebracht beim Besuch. Dass fremde Kulturen Schädel der Feinde als Trophäen nahmen, das gab es hier ja auch. Da wurden sie nicht verziert und ehrenvoll an besonderen Stätten verwahrt, wie es die Dayak auf Borneo taten. In Europa nagelte man sie im Mittelalter ans Stadttor, zur Abschreckung von Gegnern. Bei den Asmat auf Neuguinea gab es einen Initiationsritus: Wenn ein Junge ein Mann werden wollte, musste er einen anderen töten, um den Schädel zu erbeuten. Man lebte gefährlich. Die Totenköpfe waren Bestandteil eines umfangreichen Kults. Der Schädel des Ahnen war ein wertvoller Besitz eines Mannes, manchmal schlief der Sohn darauf, um von der positiven Energie zu profitieren.

Der Kopf als Sitz der Sinne und der Seele ist eben für den Menschen besonders bedeutsam, erläutert Constanze Döhrer, Projektleiterin der Ausstellung in Herne. So kann man Ausprägungen des Schädelkults in Afrika, Amerika, Asien, Ozeanien erleben. Stets geht es entweder um Gedenken und Verehrung oder um Trophäen. Bei den afrikanischen Voodoo-Religionen verwandelt ein großer Metallhaken einen Schädel in das Symbol einer Mittlergottheit, die Gebete und Wünsche an einen übergeordneten Schöpfergott weiterleitet. In Tibet fertigen Mönche aus den Schädeln eines 16-jährigen Jungen und eines gleichaltrigen oder vier Jahre jüngeren Mädchens eine Trommel, die geweiht wird und der magische Kräfte nachgesagt werden. Benutzt werden die Körperteile von natürlich Gestorbenen, und die Familie sieht den Vorgang als besondere Ehre an.

Die Jivaro in den Anden hingegen machten aus den Häuptern ihrer Feinde Schrumpfköpfe. Ein langes und mühsames Ritual war nötig, um den Geist des Getöteten zu besänftigen und den „tsantsa“ herzustellen, der Jagderfolg, Gesundheit, Fruchtbarkeit garantierte. Man entfernte Fleisch und Knochen und füllte die Haut mit heißem Sand.

In Europa lieferte all das Stoff für Schauergeschichten. Dabei wuchs die Nachfrage nach tsantsas erst richtig, als die Europäer kamen. Die Schrumpfköpfe waren gruselige Erinnerungsstücke. Auch in Nordamerika jagten die Indianer erst richtig nach Skalps, als die Europäer kamen. Engländer setzten Prämien aus für die Kopfhaut von Franzosen, Holländern und den mit ihnen verbündeten Indianern. Und umgekehrt. Die Europäer übernahmen und förderten also die Sitte, die sie den unzivilisierten „Wilden“ anlasteten.

In Herne sieht man Beispiele für all das. Es gibt einen Raum, der die Anatomie des Schädels erklärt. Und es wird gezeigt, wie im 19. Jahrhundert europäische Forscher sich dem Menschen zuwandten und für ihre Studien umfangreiche Schädelsammlungen anlegten. Franz Joseph Gall (1758-1828) glaubte, dass sich Eigenschaften wie Mut, Zahlengedächtnis, Stolz am Schädel ertasten ließen, weil die entsprechende Hirnpartie sich dort abzeichnet – und legte zu Studienzwecken eine Sammlung an, der er testamentarisch den eigenen Kopf hinzufügte. Die Anthropologie orientierte sich hin zu einer Rassenkunde, die vor allem die Überlegenheit des weißen Europäers beweisen sollte. Der Rassenwahn der Nazis hatte Wurzeln schon im Kolonialismus.

Es gibt aber auch erstaunliche Funde aus der Region. So zeigt ein steinzeitlicher Schädel, der in Warburg gefunden wurde, dass Menschen bereits vor 5400 Jahren hier chirurgische Eingriffe vornahmen. Der Mann litt offenbar an Hirnhautentzündung oder Diabetes. Eine Trepanation, eine Öffnung der Schädeldecke, sollte wohl Schmerzen lindern. Der Mann überlebte, denn die Wunde ist offensichtlich verheilt.

Schädelkult  im LWL-Museum für Archäologie in Herne. 17.11.–14.4.2013,

di – fr 9 – 17, do 9 – 19, sa, so 11 – 18 Uhr,

Tel. 02323/ 946 280, http://www.schaedelkult.lwl.org,

Katalog, Verlag Schnell+Steiner, Regensburg, 19,90 Euro

Quelle: wa.de

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