Trompeter Till Brönner im Konzerthaus Dortmund

+
Lieferten sich Solo-Duelle: Saxophonist Magnus Lindgren und Trompeter Till Brönner in Dortmund. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DORTMUND–Der Trompeter Till Brönner spielt die Art Jazz, die Jazzfans nicht mögen. Kuscheljazz. Mit seinen Platten sucht er das große Publikum, indem er der Musik alles Überraschende Verstörende austreibt. Da fehlen selten die Geigen, da schmiegen sich Harmonien gefügig in den Hintergrund des Bewusstseins. Der smarte 39-Jährige aus Viersen urteilt gar als Juror in der Castingshow X-Factor bei Vox. Was also ist zu erwarten, wenn er mit seinem aktuellen Album „At The End Of The Day“ auf Tour geht, auf dem er Titel der Beatles, der Korgis, der Killers nach exakt diesem Muster verschmust?

Was der Musiker mit seiner exzellenten Band im Konzerthaus Dortmund bot, hatte jedenfalls kaum jemand auf der Rechnung. Zur Begrüßung spielte Brönner erst einmal knackigen Jazzrock.Geschmeidige Latin-Grooves. Knallharten Funk. Dazu präzises Satzspiel von Brönner mit seinem kongenialen Partner Magnus Lindgren am Saxophon. Er wechselt zwischen Trompete und Flügelhorn, lässt seine Instrumente mit Elektronik mehrstimmig klingen oder verfremdet ihren Sound. Das klingt nach dem rauen Jazzfunk der Brecker Brothers. Die weiche Gefälligkeit seiner Alben ist da ganz weit weg. Sogar noch, als er mit dem Standard „I‘m Through With Love“ und mit „Summer Breeze“ von Seals And Croft Material seiner aktuellen Platte spielt. Brönner singt, wie Chet Baker, und wie sein erklärtes Vorbild verfügt auch er über keine große Stimme. Hier aber stört das nicht so sehr, weil die Soli länger dauern.

Dann erst, nach einer guten halben Stunde, begrüßt Brönner sein Publikum: „Guten Abend Dortmund!“ Da hat er die Zuhörer bereits auf Temperatur gebracht. Er moderiert zwar, aber er sagt nie die Titel der Songs an. Kuscheljazz aber hört man hier und heute nicht. Brönner beweist, dass er richtigen Jazz spielen kann. Nicht nur, weil er ein souveräner Techniker an der Trompete ist, der schnelle Läufe beherrscht, der einen ganz weichen Ansatz hat und mit dem Instrument regelrecht singt. Er beherrscht auch die musikalische Ökonomie, mal eine Linie kurz anzureißen, dann wieder das Material zu verdichten. Grandios, wie er sich mit Lindgren immer wieder Frage-und-Antwort-Spielchen erlaubt, wie sie sich aneinander reiben und steigern. Und er erzählt, wie er dazu kam, die Texte der Songs zu lesen, auch wenn er sie nicht singt, weil das sein Spiel verändert. Dann rezitiert er Michel Legrands „Once Upon A Summertime“ zu einigen Piano-Akkorden, ehe er die Ballade in klassischer Jazzquartett-Besetzung spielt.

Auch in Dortmund wechselt er munter durch die musikalischen Genres, bietet eine muntere Bossa-Nova-Nummer und atemlosen Bebop. Er hat sich starke Mitstreiter ausgesucht. Der eher banale Ohrwurm der Korgis, „Everybody‘s Got To Learn Sometime“, hebt schon fast kuscheljazzmäßig an, bis der junge US-Gitarrist Bryan Baker in die Saiten langt und dem Song alle Trivialität austreibt. Rasende Läufe, Akkordverdichtungen, Tonbeugungen, Feedbacks, Baker, der mit steif durchgedrücktem Rücken vor dem Gitarrenverstärker zurückweicht, als triebe ihn der Druck der Musik, bietet das ganze Programm der Rockgitarre, bläst die Ohren frei, ein furioser Auftritt. Mit weniger Effekten, aber noch imposanterer Virtuosität leitet Bassist Dieter Ilg den Beatles-Song „And I Love Her“ ein, eine Schule der Geläufigkeit an dem großen Instrument, mit ebenso behenden wie präzisen Läufen und feinsten Flageolett-Klängen. Schlagzeuger Wolfgang Haffner hat ein fein musikalisches Solo, Roland Peil erkundet das Feld lateinamerikanischer Rhythmen in einem Percussion-Solo, Pianist Jasper Joffers hält ebenfalls gut mit. Zweieinhalb Stunden gute Musik ohne Pause. Großer Jubel.

Tiöll Brönner kommt auf seiner aktuellen Tour noch einmal nach Westfalen: Am 7.7. spielt er open air im Maximilianpark Hamm, Tel. 02381/98210 32, http://www.maximilianpark.de

http://www.tillbroenner.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare