„Tristan und Isolde“ bei der Ruhrtriennale in Bochum

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Isolde (Anja Kampe) und Tristan (Christian Franz) in der Bochumer Wagner-Inszenierung. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ BOCHUM–Isolde läuft, taumelt, rafft sich auf und eilt weiter zu Tristan. Aus der Tiefe der Bühne erreicht sie endlich den sterbenden Geliebten. Ein seltener Moment realer Handlung in Richard Wagners „Tristan und Isolde“. Und ein Beispiel für die kühne Nutzung der riesigen Bochumer Jahrhunderthalle. Hier leuchtet Ruhrtriennale-Intendant Willy Decker vor allem Gefühlsräume aus. Ihm gelingt eine große Produktion.

Decker will die Todessehnsucht von Isolde und Tristan enträtseln. Eine bloße Flucht aus der Gegenwart, wo eine Zweisamkeit unerreichbar ist, hält er für ein Missverständnis. Er findet den Fluchtpunkt ihrer Liebe im buddhistischen Nirwana: dem Loslassen, Verstehen und Einswerden. Der Buddhismus ist der Schwerpunkt in Deckers drittem Triennale-Jahr, nach Judentum und Islam.

Ausstatter Wolfgang Gussmann entwarf für diesen spirituellen Ansatz ein schlichtes, ungeheuer aufwändiges Bühnenbild. Zwei weiße bewegliche Trapeze als Spielfläche und Decke formieren sich zu Räumen zwischen Beklemmung und Entgrenzung. Völlig losgelöst bewegen sich die Liebenden wie auf einem eigenen Planeten. In einer der faszinierenden Videoprojektionen (fettFilm/Momme Hinrichs, Torge Møller) bebildern die Sterne des Weltalls die „ungemess‘nen Räume“ (Isolde), in die das Paar sich sehnt.

Eine Planetenkugel ist in anderen Szenen die Projektionsfläche, wo sich Wellen und Wogen in ein unendliches Umkreisen liebender Körper auflösen. Die Handlungsoberfläche bleibt derweil ruhig: Tristan und Isolde liegen nebeneinander. Den Eklat, den die verbotene Liebe der frischvermählten Gattin von König Marke zu dessen Neffen auslöst, zeigt Decker in ähnlicher Weise als inneren Bruch. Isolde und Tristan verlassen die höfische Welt nicht, sondern finden sich einfach außerhalb wieder.

Diesem Fließenlassen, aus dem Deckers Regie eine nicht abebbende Spannung schöpft, ergibt sich auch Kirill Petrenko, der die Duisburger Philharmoniker dirigiert – und 2013 den neuen Bayreuther „Ring“. Der ausgewogene warme Klang, der in der Halle strömt, ist ebenso spektakulär wie schön. Und sängerfreundlich trotz aller dynamischen Effekte und Entschleunigungen, in denen das (auch in den Soli grandiose) Orchester den Liebenden zu folgen scheint, wenn diese sich von Raum und Zeit abkoppeln.

Anja Kampe trägt als Isolde die ersten beiden Akte mit fein nuanciertem Sopran, der auch in den Höhen jugendliche Natürlichkeit ausstrahlt. In Wut und Verzweiflung sucht sie Fassaden für die uneingestandene Liebe zu Tristan. Der schützt „die Sitte“ vor, um der Braut des Onkels aus dem Weg zu gehen. Dazu fügt sich Christian Franz‘ Zurückhaltung, der jedoch den großen Monolog im dritten Akt farbenreich und packend gestaltet.

Claudia Mahnke als Brangäne und Alejandro Marco-Buhrmester als Kurwenal profilieren mit bebenden Partien treffliche Gegensätze zur transzendenten Gelassenheit Tristans und Isoldes. Stephen Milling ist eine Idealbesetzung für die Noblesse König Markes.

Decker kann sich für seine buddhistisch inspirierte Lesart auf Äußerungen Wagners stützen. Doch er dogmatisiert sie nicht, sondern zeigt auch ihre Grenzen. Denn zu den „Anhaftungen“ an die Welt (Decker), von denen das Paar sich lösen will, gehört letztlich auch die Liebe. So bäumt sich in einer Projektion ein Körper auf, wenn Tristan im dritten Akt den Liebestrank verflucht, der ihn in die Abhängigkeit von Isolde verstrickte. In Isoldes „Liebestod“ zeigt Decker am Ende keine Vereinigung. Er lässt sie von Tristan weg auf einem Steg nach vorn schreiten, ins Dunkel.

So grandios inszeniert, gesungen und musiziert wie bei der Ruhrtriennale ist Richard Wagners Tristan und Isolde nicht oft zu erleben.

In der Bochumer Jahrhunderthalle am 31. August; 3., 9., 13., 17. und 20. September

Tel. 0700/20023456

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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