Die Triennale in Brügge widmet sich der Flüchtigkeit moderner Städte

+
Sprung zurück ans Land: Der „Skyscraper (the Bruges Whale)“ ist ein Blickfang für die Triennale in Brügge.

BRÜGGE - Das weißblaue Monster scheint aus der Gracht mitten auf den Jan van Eyckplein zu springen. Ein Wal, unverkennbar die Form mit den wuchtigen Flossen. Aber er besteht aus Plastik, aus Wäschewannen, Flaschen, Spielzeug, Eimern. Was man eben aus Kunststoff herstellt. Die fünf Tonnen schwere Skulptur des New Yorker Studio KCA ist der Blickfang der zweiten Triennale in Brügge.

Mit dem Kunstwerk kehrt ein kleiner Teil an Land zurück von den 150 Millionen Tonnen Plastikmüll, die in den Weltmeeren schwimmen. Eine unvorstellbare Menge Abfall, die auch nicht verschwindet, sondern durch Wellengang und Sonne nur in immer kleinere Teile zerlegt wird. Lesley Chang und Jason Klimoski haben mit Helfern an der Küste von Hawaii das Material geborgen, aus dem sie den Wal konstruierten. Dass er vor allem aus blauem und weißem Plastik besteht, hat nicht ästhetische Gründe, erläutert Chang. Der Müll, der aus Russland, Japan, China und anderen Weltgegenden angespült wurde, ist nicht so attraktiv für Fische. Buntere Stücke werden gefressen, oft mit fatalen Folgen für die Tiere.

Einerseits ist das Werk eine dynamische Landmarke im Stadtbild, eine visuelle Überraschung, die sich auch ohne Erklärungen jedem Betrachter erschließt. Zugleich aber passt die Arbeit perfekt zum Leitthema der Triennale: „Liquid City“. Die Kuratoren Till-Holger Borchert und Michel Dewilde beziehen sich auf den Philosophen Zygmunt Bauman, der die Veränderbarkeit moderner Gesellschaften thematisierte, je nach Übersetzung eben flüssige bzw. flüchtige Gesellschaften.

In der belgischen Stadt, die von vielen Touristen als Freiluftmuseum wahrgenommen wird, stellen schon die Grachten, die hier „Reien“ heißen, die Verbindung zum Wasser her. Aber auch der neuzeitliche Konsum, dessen Abfall erst die Weltmeere verdreckt und dann in Form von verstecktem Mikroplastik in Fischen zu uns zurückkehrt, zeigt eben einen Aspekt der Wandelbarkeit. Borchert, Kunsthistoriker mit Schwerpunkt Mittelalter und Direktor des Groeninge-Museums, möchte mit der Triennale auch ein Zeichen gegen die Musealisierung des Stadtraum setzen. Eine Pavillon, errichtet 2002, als Brügge Kulturhauptstadt Europas war, sollte unter Denkmalschutz gestellt werden. Irgendwann würde die Stadt völlig erstarren. Darum betont er, dass die 15 Arbeiten der Triennale nach Ablauf der Schau wieder verschwinden werden. Obwohl viele Arbeiten einen Akzent auf Architektur setzen, soll hier nicht der Stadtraum möbliert werden. Es geht um vorübergehende Eingriffe, die umso mehr im Bewusstsein nachwirken sollen.

Flüchtigkeit ist das Ausgangsmotiv des Turms, den Peter van Driessche in die Bakkersrei am Kongresszentrum Oude Sint-Jan errichtet hat. Das Gestell, so der Brügger Architekt, soll eine Reihe von Modulen aufnehmen, in denen künftig Menschen wohnen und arbeiten können – wenn der Anstieg des Meeresspiegels durch den Klimawandel den Lebensraum drastisch verringert hat. So sieht man nicht nur den Turm, eigentlich ein verkleinertes Modell, sondern auch einige Mustercontainer in Originalgröße mit engen Kochecken und Hochbetten.

Andere Arbeiten sind Vorschläge, wie man das Leben in der Stadt angenehmer gestalten kann. Das koreanische Architekturbüro OBBA errichtet auf der Langerei eine Plattform über dem Wasser – nicht nur für die Schüler einer nahe gelegenen Schule ein angenehmer Aufenthalt, zumal das Geflecht aus weißen Seilen allerlei Möglichkeiten bietet, sich sportlich zu betätigen oder auch einfach hinzulegen. Im Minnewater direkt hinter dem Beginenhof errichtete der nigerianische Architekt Kunlé Adeyemi ein Holzhaus, eine Schule, die er für eine oft überflutete Region in seiner Heimat entworfen hat. In Brügge soll der Bau tatsächlich für Unterrichtsprojekte genutzt werden. Und das spanische Büro selgascano setzt eine Insel mit einem knallbunten Zeltaufbau in die Rei an der Coupure als eine Badeanstalt auf Zeit.

Es gibt daneben aber auch Arbeiten, die als ästhetische Setzungen mit dem Stadtraum korrespondieren. Der belgische Künstler Renato Nicolodi errichtete ein wuchtig wirkendes Portal in der Langerei. Sein „Acheron I“ symbolisiert den Eingang zur Unterwelt in der antiken Mythologie. Und der US-Künstler John Powers baute einen Turm aus minimalistischen Kastenelementen am Minneboplein. „Lanchals“ spielt auf die Stadtgeschichte an, auf einen Freund des Erzherzog Maximilian von Österreich, den die aufsässigen Brügger im 15. Jahrhundert enthaupteten. Der Herrscher verpflichtete darauf die Bürger der Stadt, stets 52 Schwäne auf den Reien schwimmen zu lassen. Tatsächlich ist Powers‘ Arbeit ein abstrahierter Schwanenhals.

Neben den Arbeiten im Außenraum bietet die Triennale noch zwei Ausstellungen. Zum einen sind in der Porteersloge, einem Versammlungshaus der Kaufleute aus dem 15. Jahrhundert, Entwürfe und kleinere Arbeiten der an der Triennale beteiligten Künstler zu sehen. Im Grootseminarie wird eine kompakte Ausstellung zur Beziehung zwischen Kunst und Architektur gezeigt mit Arbeiten aus der Sammlung des Fonds Régional d‘Art Contemporain der Region Centre-Val de Loire. Neben Entwürfen von Peter Eisenman und Zaha Hadid sind auch große Installationen zu sehen wie ein Pavillon des New Yorker Büros Theverymany aus 6500 Aluminiumelementen.

Bis 16.9., die Außenarbeiten sind rund um die Uhr zu sehen, Ausstellungen 12 – 18 Uhr,

Tel. 0032/50/448 000, www.triennalebrugge.be,

Katalog (engl./nl.) in Vorbereitung

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren: Auf come-on.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare