„Tränenpalast“ in Berlin erinnert an deutsche Teilung

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Beklemmende Vergangenheit: Blick in die Ausstellung „GrenzErfahrungen“ im Tränenpalast in Berlin. ▪

Von Klaus Grimberg ▪ BERLIN–Wer jemals über den Bahnhof Friedrichstraße nach Ost-Berlin ein- oder von dort gen Westen ausreiste, wird sie niemals vergessen: Die engen und muffigen Kabinen der Passabfertigung. Durch ein Glas von den immer ernsten, immer strengen DDR-Grenzern getrennt, dehnten sich die Sekunden der Kontrolle zu gefühlten Stunden.

Eine dieser Kabinen aus schäbig-braunem Holzimitat ist im Tränenpalast ausgestellt. Die 1962 unmittelbar am Bahnhof Friedrichstraße errichtete Halle diente den DDR-Grenztruppen bis 1990 zur Abfertigung der Ausreise aus der DDR nach West-Berlin. Immer wieder spielten sich in den Jahrzehnten der Teilung herzergreifende Szenen vor dem Gebäude ab: Menschen aus Ost und West mussten sich hier – oft unter Tränen – voneinander trennen. Nicht selten waren es Abschiede für immer.

Wer die in grelles Neonlicht getauchten Kabinen verließ, fand sich in einem unüberschaubaren Labyrinth aus verwinkelten Gängen, Treppen und Türen, Sperren und Geländern wieder. Die Wegeführung bis zum S-Bahngleis gen Westen war von den „Sicherheitsorganen“ der DDR bewusst irritierend angelegt. Überall Sichtblenden und Milchglas: Niemand sollte sich im düsteren Halbdunkel orientieren können. Endlos lang schien der Weg. Tatsächlich aber legten die Reisenden eine an Bahnhöfen ganz normale Distanz zurück, wie ein Modell verdeutlicht.

„Wir haben mit sehr vielen Menschen geredet, die oft über die Friedrichstraße ein- und ausgereist sind“, erzählt Mike Lukasch, Projektkoordinator vom Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn. „Doch kaum einer kann sich an Details aus dem Tränenpalast oder dem Bahnhof erinnern. Für die meisten war der Weg zu sehr mit Traurigkeit und Angst, Anspannung und Beklemmung verbunden.“ Gerade für ältere Menschen waren die Belastungen beim Grenzübergang schwer erträglich: Zwischen 1962 und 1990 gab es am Bahnhof mehr als 200 Todesfälle.

Der Tränenpalast aber war nicht allein Sinnbild für die Teilung Berlins, er war auch fortwährender Schauplatz des Kalten Krieges. Penible Dienstanweisungen für die Passkontrolleure legten fest, bei welchen Personen es sich um ein- oder auszuschleusende Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit handelte. Aus anderen Akten lässt sich nachvollziehen, wie unliebsame Besucher der „Hauptstadt der DDR“ vom ersten Schritt auf Ost-Berliner Boden beschattet wurden.

Trotzdem ließen sich Unerschrockene nicht davon abhalten, verbotene Bücher und Zeitschriften oder Schallplatten in die DDR hinein zu schmuggeln. In die andere Richtung kamen brisante Manuskripte und Fotografien oder persönliche Dokumente über die Grenze. Trotz der nahezu lückenlosen Überwachung war der Übergang am Bahnhof Friedrichstraße nie ganz zu schließen: „Persil“- oder „Ariel“-Schachteln dienten bei der Schulung der Grenzbeamten als Anschauungsmaterial, wo Verbotenes versteckt sein könnte.

Mit dem „Tränenpalast“ und dem früher mit ihm durch einen Gang verbundenen Bahnhof sind ungezählte Geschichten verbunden, erschütternde Dramen genauso wie irrwitzige Anekdoten. Einen kleinen Ausschnitt davon erfährt der Besucher an den Hörstationen, in denen Zeitzeugen berichten. Ein Mann erinnert sich, wie er noch vor dem Mauerbau als Kind mit den Eltern über den Bahnhof Friedrichstraße flüchtete – trotz Hochsommers mit drei Lagen Kleidung übereinander und mit nichts außer seinem Lieblingsbuch „Emil und die Detektive“.

Tränenpalast am Bahnhof Friedrichstraße, di – fr 9 – 19, sa, so 10 – 18 Uhr, Tel. 030/ 46 77 77 90, http://www.hdg.de

Quelle: wa.de

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