Tränen per Video: David Garrett in Oberhausen

+
Popstar mit klassischem Instrument: David Garrett spielte in Oberhausen.

OBERHAUSEN – Gemütlich spaziert David Garrett mit Geige auf der Schulter durch die Reihen. Er grinst und spielt „Kashmir“ von Led Zeppelin. Es ist der ruhige Einstieg eines Konzertabends vor über 13 000 entzückten Besuchern in der Arena Oberhausen. Von Andreas Sträter

David Garrett ist ein Popstar mit einem klassischen Instrument, das ist klar. Sein Zwischenstopp zur „Rock Symphonies“-Tour kann es mit amerikanischen Popkonzerten locker aufnehmen. Tanzende Flammen und Luftschlangenfontänen gibt es schon zum dritten Song. „Live And Let Die“ von Paul McCartney ist vor allem durch das Zusammenspiel zwischen schnellen und gefühlvoll langsamen Passagen großartig arrangiert und macht in der Violinversion große Freude.

Das Publikum bleibt sitzen und steht erst zum Finale auf – auch das ist anders als bei den Größen US-amerikanischer Popkultur. „Crossover“ heißt diese Richtung, für die David Garrett steht wie kein anderer. Seine Alben „Encore“, „Virtuoso“ und „Classic Romance“ haben allesamt Platinstatus erreicht, das „Crossover“-Konzept wird längst kopiert. Erst kürzlich haben die Macher des „Echo Klassik“ versucht, die Veranstaltung mit viel Glamour und großen Stars auf den roten Teppich zu holen. Garrett zeigt wie kein anderer, wie mit klassischer Musik Umsatz zu machen ist.

Auch auf der Bühne wird nicht gekleckert. Begleitet wird der deutsch-amerikanische Tempogeiger aus Aachen von der Neuen Philharmonie Frankfurt unter der Leitung von Franck van der Heijden. Dazu kommen Bass, zwei Gitarren, Keyboard, Schlagzeug, ein feines Händchen für die ganz großen Nummern. Mit großer Pose spielt der 30 Jahre alte Geiger das Thema des Disney-Films „Fluch der Karibik“. Zum Lied huschen Piraten mit Totenköpfen über die kreisrunde Leinwand. Das Publikum tobt. Kein Song erhält einen größeren Applaus.

Kein Gassenhauer ist das Stück „Serenade“ des spanischen Violinisten Pablo de Sarasate, das der Musiker einst für zwei Geigen schrieb. „Der Künstler hat selbst davon geträumt, es alleine aufführen zu können“, sagt Garrett. Er erscheint in Doppelausführung auf einem Splitscreen und geigt sich mit Unterstützung vom Band durch die anspruchsvolle Komposition. Dann ein Blitzlichtgewitter. Mit „Smells Like Teen Spirit“ verbeugt sich der Mann an der teuren Stradivari vor der Band Nirvana und lässt die Scheinwerfer wild durch den Hallenhimmel zucken. Auch zu „Master Of Puppets“ von Metallica lässt es der Lichttechniker krachen. Auf der Videoleinwand sind weiße, scheinbar wippende Kreuze vor rotem Grund zu sehen. Garrett steigt auf eine Hebebühne und scheint über den Friedhof zu fliegen. Dann überrascht er mit einer der raren Eigenkompositionen: „Rock Sympohonies“ hat er mit seinem Pianisten John Haywood aus Großbritannien komponiert – ein Stück, das ins Ohr geht, aber wenig rockig ist.

Zurück zu den großen Gassenhauern: „Czardas“ von Monti kennt jeder. „Wir haben vor der Tour abgestimmt, ob wir den Titel spielen sollen. Alle waren dagegen, ich dafür“, sagt Garrett, lächelt, lässt seine weißen Zähne blitzen und startet. Das Publikum steigt irgendwann klatschend ein, als säße es im Musikantenstadl oder bei Florian Silbereisen. Zu feinen, zarten Klängen von „November Rain“ perlen dann Tropfen und Tränen auf der Videoleinwand ab. Das ist wunderschön.

Zwischen jedem Titel erzählt der Mann in Jeans, Jackett und schwarzen, offenen Lederstiefeln Anekdötchen und packt Geschichten über Hotelzimmer, abgelaufene Schokoriegel und dicke Hornbrillen aus. Das wirkt zumeist sehr aufgesetzt, kommt aber gut an.

An den Bühnenseiten steigt permanent Nebel in die Arenaluft. In diesen leichten Qualm mischt sich die Titelmusik von „Mission Impossible“. Ein quietschgrüner Laser zeichnet Plastiken in die Luft, um deutlich zu machen, jetzt wird es spannend, jetzt wird es ernst. Das sollte die Musik eigentlich ohne Laserhilfe schaffen. Nachdem Garrett mit „Thunderstruck“ von AC/DC noch einmal abfackelt, was abzubrennen ist, schlägt er in der Zugabe wieder leisere Töne an. Mit „Mountain King“ aus der „Peer-Gynt-Suite“ von Edvard Grieg und „Hey Jude“ von den Beatles endet ein Abend voller Gegensätze – „Crossover“ nennt man das.

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare