Tracy Letts Stück „Eine Familie“ in Münster

MÜNSTER ▪ Der Geruch von Fisch und Bohneneintopf hängt in der Luft. Der Boden ist übersät mit Porzellanscherben, Essensresten und Chipskrümeln. Zwei Frauen ringen miteinander. Die eine stopft der anderen Fisch in den Mund und „überredet“ so ihre tablettenabhängige Mutter zum Essen. Von Anke Schwarze

Markus Kopf inszeniert Tracy Letts zeitgenössisches Stück „Eine Familie“ an den Städtischen Bühnen Münster mit filmreifem Realismus. Kerstin Bayer hat das Kleine Haus samt Zuschaueremporen in ein zweigeschossiges Familienhaus verwandelt. Wohnzimmer, Küche und die Schlafzimmer sind weiß möbliert und bis hin zu Kühlschrank und funktionstüchtigem Fernseher ausgestattet. Im Wechsel beleuchtet die Lichtregie einzelne Szenen in den Wohnräumen. Frauen und Männer der Familie Weston – in modernen Kleidern, in Anzügen, in gemusterten Schlafanzügen – diskutieren, streiten, schimpfen. Markus Kopf dokumentiert, wie sich eine Familie Stück für Stück zerstört.

Am Anfang scheint es noch nicht zu schlimm um die Westons zu stehen. Zwar ist, wie bei den Möbeln, der Lack an vielen Stelle ab. Der Vater, ein angesehener Professor, hat das Weite gesucht. Die Mutter, krebskrank und tablettenabhängig, hat Probleme mit ihren Töchtern. Dennoch finden Mutter und Tochter, Ehemann und Ehefrau, Vater und Tochter noch liebevolle Worte und Zärtlichkeiten füreinander. Aber die Tünche ist mehr als angeschlagen. Die Familie ruhte auf einem morschen Fundament, auf Betrug, Seitensprüngen, Geldgier, Inzest. Anfangs endet jeder Streit noch in einer Versöhnung. Dann werden die Beleidigungen und „Wahrheiten“, die Matriarchin Violet Weston ihrer Familie an den Kopf wirft, immer unentschuldbarer. Schließlich eskaliert Streit in Ohrfeigen und zerschlagenem Porzellan und die älteste Tochter Barbara reißt der Mutter ein Büschel Haare aus.

Die Inszenierung konzentriert sich auf die Schauspieler, auf die Beziehungen und Gefühle ihrer Figuren. Das Ensemble meistert die Herausforderung, Gefühle intensiv vorzuleben, ohne ins Melodramatische abzugleiten. Wenn sie sich unterbrechen, gleichzeitig reden, schluchzen, kreischen und brüllen, sind die Darsteller beklemmend nah an der Realität. Das ist umso mehr zu würdigen, als Tracy Lett bei seinen Rollen nicht an Klischees spart. Cornelia Niemann muss die typische „böse“ Mutter spielen, die sich einmischt, Schuldgefühle erpresst, Anerkennung verweigert. Niemann überzieht die Klischees und schafft eine herrlich böse Violet Weston, mit der die Zuschauer trotzdem Mitleid haben können. Sie tanzt im Tablettenrausch, stiert glasig ins Leere, umgarnt ihre Töchter und stößt sie im nächsten Moment herrisch von sich. Die älteste Tochter Barbara tritt auf als Karrierefrau, als gute Ehefrau, und geht als nervliches Wrack ab. Zwischen diesen beiden Polen bewegt sich Carola von Seckendorff glaubwürdig. Man nimmt ihr jedes Schluchzen und hysterische Lachen ab. In der hysterisch aufgeladenen Atmosphäre bewegt sich Judith Patzelt als indianisches Hausmädchen mit der zurückhaltenden Würde des Naturmenschen.

Die schauspielerische Leistung aller wertet ein Stück auf, das Klischees abhakt, fast zu lang ist und sich überdeutlich an Tennesse Williams „Katze auf dem heißen Blechdach“ anlehnt.

16., 22., 25., 29. Juni; 6., 13. Juli; Tel. 0251/ 59 09 100

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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