Tony Craggs Skulpturen im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal

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Der Bildhauer Tony Cragg hat seine Ausstellung im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal selbst arrangiert.

WUPPERTAL - Die glatten Rundungen von Tony Craggs Skulptur „Willow“ möchte man streicheln. Das geschliffene Holz schmeichelt dem Auge mit seiner Zeichnung durch die Maserung und die Linien der geleimten Schichten. Das Material verliert alle Schwere, die übereinander gelagerten Schichten scheinen zu tanzen. Zugleich spürt man die Verführung des Stoffs. Das hier wirkt so organisch und vertraut, dabei hat man es nirgends sonst erblickt.

Zu sehen ist die 2015 entstandene Arbeit im Von-der-Heydt-Museum Wuppertal, in der Ausstellung „Parts of the World“, der ersten Retrospektive des Bildhauers. Museumsdirektor Gerhard Finckh hat alle drei Etagen des Hauses geräumt, um die gut 120 Skulpturen und die rund 150 Arbeiten auf Papier aus mehr als 40 Jahren präsentieren zu können.

Cragg ist gleichsam ein Nachbar des Museums, lebt der 1949 in Liverpool geborene Künstler doch seit 1977 in Wuppertal. Aber Finckh beugt gleich dem Fehlschluss vor, die Ausstellung sei Ausfluss von Lokalpatriotismus. Cragg sei ein „Weltstar der Bildhauerei“, unterstreicht er. Und wenn man sich anschaut, dass der Mann schon 1988 den Turner Prize erhielt, den wichtigsten britischen Kunstpreis, dass er 1987 an der documenta in Kassel teilnahm und mehrmals an der Biennale in Venedig, dass er in der Tate Gallery London ausstellte, im Pariser Louvre und im Centre Pompidou, in New York, Taiwan, Beijing, Seoul, Buenos Aires, dann darf man darin mehr sehen als bloß eine Nettigkeit für den Gast. Nebenher hat Cragg noch eine Professur innegehabt, in Düsseldorf, wo er vier Jahre lang bis 2013 auch Rektor der Kunstakademie war, und in Berlin.

Aber mehr als solche äußerlichen Fakten entscheidet die Kunst. Die Wuppertaler Schau bietet einen spannungsvollen Rundgang durch ein Werk, das sich ausgesprochen abwechslungsreich gestaltet. Craggs Anfänge liegen in der Land Art und der Konzeptkunst. Er nennt Marcel Duchamp als Bezugsgröße. Und die amerikanischen Minimalisten wie Donald Judd, deren reduzierte, klare Formen ihm damals als Inbegriff der Skulptur erschienen seien. Craggs frühe Arbeiten sind Schwarz-Weiß-Fotos von Aktionen: Da beugt er sich beispielsweise in den Winkel einer Mauer. Von seinem Schulterblatt über den Fuß weiter auf dem Boden zieht sich eine Linie weißer Kiesel. Der Künstler geht in seiner Arbeit auf, wird zum Sockel der „Stone Curve“ (1972). Oder er stellt sich an eine schwarze Wand und zieht mit Kreide die Umrisslinie um seinen Körper, mehrmals, bis die Wand von seiner Figur bevölkert wird („Outlines“, 1972). Für die Arbeit „Stack“ (1975) hat Cragg Fundsachen zu einem Quader gestapelt: Bretter, Steine, Schubladen, Styropor, Teppichreste, Koffer. Es sind billige Materialien, und der Stapel wirkt unordentlich, ungeometrisch, ganz anders als bei Judds industriell perfekten Metallkörpern.

Man merkt dem Frühwerk an, dass Cragg eine Richtung suchte. Eine erste große Werkgruppe sind die Assemblagen aus gefundenem Plastik. Als ob er die Strände der Welt abgesucht hätte, bringt er zerbrochene Sandschüppen, Deckel von Farbeimern, Cowboyfiguren, Becher in neue Ordnungen. Mal ergeben sie nach Farben sortiert ein „Spectrum“, mal bildet Cragg aus ihnen mosaikhaft Figuren, einen Läufer zum Beispiel oder eine Menschenmenge (1984), die 16 Meter breit in Lebensgröße dem Betrachter gegenübertritt, ein Getüpfel aus knallbunten Farbflecken, ein Schatten, nachgebildet aus Müll.

Ende der 1980er Jahre begann Cragg, Skulpturen zu schaffen, es entstand die Serie der „Early Forms“. Dabei verfremdet er Objekte wie Reagenzgläser, Tiegel, Vasen, Flaschen, dehnt, zieht, verdreht die Formen, bis Körper entstehen, die mal organisch, mal technoid anmuten. Vor seinem Kunststudium in London hat Cragg zwei Jahre lang als Chemie-Labortechniker gearbeitet. Das hat nicht nur hier Spuren hinterlassen. So errichtet er aus matten Glasgefäßen den meterhohen Turm „Cumulus“ (1998).

Schließlich entwickelt er die Serie der „Rational Beings“, in denen er die Ausgangsmaterie – Stein, Bronze oder Holz – gestaltet, als sei ein Brei in eine Form geschleudert worden. Diese vermeintliche Bewegung sieht man den hohen Stelen wie den büstenartigen kleineren Stücken an. Mal sieht das aus wie ein spiegelnder, eingefrorener Mini-Tornado aus Stahl, mal wie ein tanzendes, amorphes Gespenst in Rot oder Blau. Und manchmal, wenn man richtig steht, erkennt man das Profil eines Gesichts.

Zwischendurch spürt man immer wieder Craggs trockenen Humor. Da arrangiert er zwei gipserne Dinosaurierbeine und eine Gorillapranke auf und neben ein zierliches Beistelltischchen („Wildlife“, 1995). Und auf einen Ateliertisch stellt er, monströs vergrößert, die Zähne des menschlichen Gebisses in Gips und nennt das „Complete Omnivore“ (1993), also völlig Allesfresser. Und eins seiner Gefäße mit dem Titel „Connoisseur“ (2000), also Kenner, Genießer, läuft in die Form einer Zunge aus.

So findet man in dieser Werkschau ein Spektrum von Gefühlswerten und Sehreizen, mal pure sinnliche Schönheit, mal einen schnellen Witz.

Bis 14.8., di – so 11 – 18, do bis 20 Uhr, Tel. 0202 / 563 62 31, www.von-der-heydt-museum.de, Katalog, Verlag der Buchhandlung Walther König, Köln, 38 Euro

Quelle: wa.de

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