„Ton. Ein Aufruf“ – Baukeramik im Hetjensmuseum Düsseldorf

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Die Figur des Windgottes im Marineviertel in Kiel hat der Bildhauer Fritz Theilmann 1928 geschaffen.

Von Achim Lettmann -  DÜSSELDORF Wo befindet sich noch Kunst am Bau? Welche Häuser zeigen mehr als Fenster und Fassaden? Eine Ausstellung in Düsseldorf schärft den Blick für unser Stadtbild. Das Hetjensmuseum thematisiert eine Phase der Baugeschichte, als Keramikformen und Farbfliesen verbaut wurden und Häuser zu echten Unikaten wurden. „Dem tötenden Grau-in-Grau unserer Städte“ setzte Paul Rudolf Henning sein „Tonmanifest“ 1917 entgegen.

1919 machten die Gedanken des Bildhauers und Architekten als Flugschrift des „Arbeitsrates für Kunst“ die Runde. Er wollte Künstler ermutigen, mit keramischer Kunst plastische Werke zu schaffen. Ihm schien, dass die „Durchgeistigung“ einer plastischen Arbeit gelingt, wenn das Material Ton mit den Händen aufgebaut und geformt wird. Henning fürchtete, dass Bildhauer kein Interesse mehr an Ton hatten.

Es war eine Zeit, in der Künstler noch zuversichtlich waren, der Gesellschaft und den Menschen helfen zu können. Nach dem ersten Weltkrieg sollte eine neue Ästhetik im Stadtbild dazu beitragen, das Trauma des mörderischen Krieges zu nivellieren.

Die Ausstellung „Ton. Ein Aufruf. Plastik- und Baukeramik 1910 bis 1930“ stellt Hennings Manifest voran, sortiert diese Initiative aber baugeschichtlich ein. Denn bereits im Jugendstil wurden Elemente aus Ton und Ornamente auf Fliesen eingesetzt. Und keramischer Bauschmuck war in Mitteleuropa schon bekannt. Nur fehlte meistens die Farbe. Impulse gab auch die keramikverkleidete Architektur des Orients.

Wie ambitioniert Paul Rudolf Henning vorging, belegt sein Nietzsche-Fries an der Villa Eugen Bab (Berlin) 1923/24. In Düsseldorf ist ein fotografische Rekonstruktion zu sehen. Der Fries, der im 2. Weltkrieg zerstört wurde, bestand aus 23 Keramiksegmenten mit bis zu vier Reliefplatten. Aus figürlichen Bildchiffren und typografischen Formflächen wurde das „Andere Tanzlied“ aus Nietzsches Werk „Also sprach Zarathustra“ in eine neue Bildsprache gewandelt.

Das erste Gebäude, das keramisch im großen Stil ausgestaltet wurde, war der Admiralspalast in Berlin. Die Karlsruher Großherzogliche Majolika-Manufaktur führte eine Schwimmhalle mit zwei Bildhauern aus und setzte auf römische Traditionen. Der Erfolg war so groß, dass der Kaufhausbesitzer Wertheim gleich drei Häuser in Auftrag gab. Die Majolika-Manufaktur aus Karlsruhe wurde Marktführer. Der erste Weltkrieg unterbrach allerdings die Expansion solcher Bauvorhaben. In Düsseldorf sind Baufragmente der Schwimmhalle des Admiralspalastes zu sehen: ein Gibelfragment einer Türbekrönung und ein Kapitellfragment, das ein Pferd mit Schwimmhäuten und eine Meerjungfrau mit Schlangenschwanz zeigt. Die Schwimmhalle des Admiralspalasts, der als Musicalbühne wieder Furore macht, ist heute nicht mehr erhalten.

In Essen wurde ein Keramikhaus 1910/12 errichtet, das tatsächlich für die Ausstellung von Keramiken genutzt wurde. Für den Ausbau der „Keramischen Centrale“ heuerte Otto Schulze, Direktor der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Elberfeld, auch Künstler aus der Region an. Das Haus an der Kettwiger Str. 64 wird heute als Supermarkt und von Ärzten genutzt. Keramiken und Friese sind nur noch in Resten vorhanden.

Die Ausstellung „Ton. Ein Aufruf“ zeigt viele Bildtafeln, um Baubeispiele zu visualisieren. Überreste sind schwer auszustellen. Sehr schön sind in dem Zusammenhang sechs Modelle für die Lübecker Katharinenkirche (1946-49). Ernst Barlach (1870–1938) hatte bereits drei Figuren ausgeführt. Weil er aber sehr krank war, überließ er Gerhard Marcks den Auftrag. Beide einte der Grundsatz, dass Künstler Glück und Leid der Menschen darstellen müssten. Die Modelle sind schmal und schlank, sie zeigen Mutter mit Kind, Prophet und Christus. Die Figuren wirken ruhig und gefasst.

In den 20er Jahren erlebt die Baukeramik einen Aufschwung. Der Düsseldorfer Montankonzern Phoenix AG verwirklichte mit Bildhauer Ludwig Gies (Berlin) ein Verwaltungsgebäude in Düsseldorf. Noch heute sind die Arbeitermotive vor einer abstrahierenden Fassade zu sehen. Die Keramiken wurden 2002 saniert. Auch der Windgott, den Bildhauer Fritz Theilmann 1928 in Kiel schuf, hat die Zeiten überdauert.

Die chemische Industrie entwickelte wetterbeständige Farben, die als Glasuren für Baufliesen verwendbar waren. Als Beispiel für den Expressionismus zeigt die Austellung Beispiele der Berliner U-Bahn. Zur Station Hermannsplatz 1926/27 wird eine hellgelbe glänzende Fliese gezeigt, zum Rosenthaler Platz eine matte orangene. Noch heute strahlen diese Farbfliesen und sorgen für eine aufgeladene Stimmung. Auch die U-Bahnhöfe Leinestraße und Alexanderplatz zählen gehören dazu.

Ein ganzer Bereich der Ausstellung wird dem Backsteinbau gewidmet. Noch heute ist das Stadtbild Hamburgs von Ziegelbauten mitbestimmt. Fritz Schumacher war 1909 als Stadtbaurat in die Hansestadt gekommen. Er favorisierte den „Handstrichklinker“, also den Ziegel, der eine unruhige Oberfläche hatte. Entsprechend dem „Deutschen Werkbund“ förderte Schumacher die „Materialgerechtigkeit“, glatte Industrieziegel wollte er nicht.

Allerdings sollte sich das Bildprogramm der Baukeramik im Lauf der 20er Jahre ausdünnen. Auch die Schule der Gestaltung, das Bauhaus, setzte auf die Einheit von Kunst und Technik. Selbst Bildhauer Henning hatte bei der Erneurung des Mossehauses in Berlin (1921-23) nur glatte Fliesen eingesetzt, um der Ecksituation der Fassade einen Schwung zu geben. Plastische Keramik war nicht mehr modern genug.

Die Schau

Wie das Verständnis für einen Werkstoff die Baugeschichte beeinflusste, wird sorgsam visualisiert. Ton. Ein Aufruf. Baukeramik 1910-30 im Düsseldorfer Hetjensmuseum. Bis 10. August, di-so 11 bis 18 Uhr; Katalog 18 Euro; Tel. 0211/89 94210

Quelle: wa.de

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