Tomo Sugao inszeniert Puccinis „Madama Butterfly“ in Dortmund

Voller Verzweiflung, aber auch voller Würde: Anna Sohn als „Madama Butterfly“ an der Oper in Dortmund. Foto: Jauk/Stage Picture

Dortmund – Ein zentrales Problem an Giacomo Puccinis Operngassenhauer „Madama Butterfly“ ist, dass der Regisseur um eine Leerstelle herum inszenieren muss. Es geht um Liebe, doch der Geliebte, der Tenor, der Held, ist ein Mann mit genau einer Eigenschaft: Feigheit. Der Leutnant Pinkerton nimmt sich eine „Seemannsbraut“, aber heiratet zu Hause in Amerika die barbieblonde „Richtige“.

An der Oper Dortmund begegnet Regisseur Tomo Sugao dem Problem, indem er die Geschichte mit einer Menge Klischees überhäuft und sie dann ins graue Elend taucht. Er zeigt in grellen Bildern her, welche katastrophalen Folgen es hat, wenn die Rücksichtslosigkeit der Besitzenden auf den Optimismus der Notleidenden trifft. „Madama Butterfly“ war eine glanzvolle Eröffnungspremiere, besonders wegen Anna Sohn in der Titelrolle als bedingungslos liebende Cio-Cio San.

Das Kunst-Japan der Oper wird zur Klischeeparade. Der Chor läuft als wandelnde Fotokulisse auf: in Glitzerkimonos, Mangaröckchen, Kothurnen und Schleifchen (Kostüme: Mechthild Seipel). Ständig wird getrippelt, gegrinst, sich verneigt. Das ist ungefähr so subtil wie ein Fausthieb. Deutlich wird: Pinkerton sucht hier nicht mehr als ein exotisches Accessoire fürs nächste Selfie.

Pinkerton (Andrea Shin) ist ein Selbstdarsteller mit Smartphone, fotogeil und rücksichtslos. Es tut beim Zuschauen weh, wie er überall draufhält. Selfie mit Priester, Selfie mit Sakebecher, gerecktes V-Zeichen. Selbst als seine Braut sich für ihn auskleidet, hibbelt er am Handy rum. Amerika gehört die Welt, und der Marineleutnant Pinkerton nutzt das hirnlos aus. Wie in der Partitur wiederholt die US-Nationalhymne aufklingt, so zeigt Sugao das Star-Spangled Banner her, als Karikatur, aber zugleich als Zeichen für einen Traum.

Butterfly ist Pinkertons exotisches Accessoire, das ist logisch bei einem Helden, für den, außer ein paar lyrischen Kantilenen, gar nichts spricht. Aber warum sie diesen Elefanten im kulturellen Porzellanladen so liebt, ist nicht ganz so einfach zu erzählen, will man die Heldin nicht komplett als Naivchen hinstellen. Sugao skizziert Butterflys Not: verarmt, zu einem Leben als bessere Prostituierte gezwungen. Im zweiten Akt kleben Plakate mit der Freiheitsstatue und dem rosa Schriftzug „Hope“ auf den schiebbaren Papierwänden, die den Bühnenraum beengen (Bühne: Frank Philipp Schlößmann). Aus den Plakaten wurden Papierschiffchen gebastelt als zerbrechliche Hoffnungsträger. Das Ganze wird getaucht in pastellene, gelegentlich theatralisch harsche Farben (Licht: Florian Franzen).

Sugao hat außerdem eine zentrale Idee, deren Einpassung zwar gelegentlich holpert, die aber die Zweierkonstellation Butterfly-Pinkerton öffnet: Wie Lady Liberty im Hochzeitskleid taucht schon während des Liebesduetts im ersten Akt Kate Pinkerton (Penny Sofroniadou) auf und kommt dem Paar in die Quere. Auch sie ist im Grunde eine Leerstelle, ein Klischee. Sie ist das Echo Butterflys und genauso machtlos wie sie. Deswegen wird sie Pinkerton am Ende fortjagen. Bei Sugao tötet Cio-Cio San im Finale nicht nur sich selbst: Sie weiß, dass ihr Sohn als Kind einer Ausländerin wohl nicht wirklich akzeptiert werden würde, und bringt auch ihn um, statt ihn ihrer Rivalin zu überlassen.

Das alles ist manchmal etwas überdeutlich ausgestellt. Karikaturen bieten eben nicht das richtige Material für subtile Personenführung. Manchmal sind die Gesten holprig, etwa als Kate unbeholfen an sich herumtastet, bis klar wird, dass sie gerade ein Baby verliert. Aber das lässt sich verschmerzen.

Denn vor allem musikalisch ist das eine beeindruckende „Butterfly“. Anna Sohn deutet bereits im ersten Akt mit fiebrigen, aber wohlkontrollierten Bögen an, wie unbedingt Butterfly Pinkerton liebt. Für „Un bel di vedremo“, das sie als absoluten Entschluss zur Hoffnung singt, erhält sie starken Szenenapplaus. Bis ins Finale hinein vermittelt sie nicht nur Verzweiflung, sondern gibt Butterfly Würde. Andrea Shin bringt als Pinkerton lyrischen Schmelz und Spielfreude mit. Hyona Kim ist als Cio-Cio Sans Dienerin Suzuki leuchtkräftig, in den Duetten mitfühlend und liebevoll; auch sie erhält zu Recht starken Applaus. Als moralisch zweifelhafter Sharpless bietet Mandla Mndebele einen Ton von nobler Hilflosigkeit. Der von Fabio Mancini einstudierte Chor beschmeichelt die Hochzeits-Szenen im ersten Akt und agiert hauchzart im berühmten „Summ-Chor“. Gabriel Feltz am Pult feuert die Dortmunder Philharmoniker zu einer mitreißenden, in den besten Momenten fieberhaft emotionalen, dabei gut ausbalancierten Aufführung an.

18., 29.9., 10., 19., 27.10., 1., 8.11., 21., 25.12. Tel. 0231/ 50 27 222 www.theaterdo.de

Quelle: wa.de

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