„Tod eines Handlungsreisenden“ im Pumpenhaus Münster

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Ausgemustert: Vertreter Willy Loman (Pitt Hartmann) in der „Tod eines Handlungsreisenden“ in Münster.

Von Constanze Raidt Münster - Willy Loman ist müde. Sein Leben ist grau: Schleppend steigt er aus seinem grauen Wagen, den er vor einem Fenster geparkt hat. Müde schlurft er im hellgrauen Anzug auf die Bühne. Seine Frau Linda (Beate Reker) eilt in einer grauen Strickjacke herbei und gießt dem heimgekehrten Handlungsreisenden (Pitt Hartmann) ein Glas Milch ein.

Die Inszenierung von Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“ des Ensembles Hartmann & Konsorten (Regie: Johannes Fundermann, Milena Weber) im Pumpenhaus zieht die Zuschauer schnell in die ausweglose Situation des Vertreters. Tausende Kilometer fährt Loman jede Woche quer durch Amerika. Trotzdem werden die Schuldenberge immer größer.

Wie anders erscheint da die Welt, die er sich in seinen Tagträumen herbeisehnt. Seine Söhne Biff (Stefan Nászay) und Happy (Tilman Rademacher), mit denen er sich längst nicht mehr versteht, verehren ihn plötzlich wieder. Sie tragen Sportsachen, sind jung und dynamisch, schauen zu ihrem Vater auf. „Wir haben dich vermisst, Dad“, rufen sie, während sie von einer Wand zur anderen rennen oder wie Rekruten über den Boden robben. Nur diese Illusionen, die Willy nicht mehr von der Realität unterscheiden kann, bringen ihn noch zum Lächeln.

Das spartanische Bühnenbild (Henri Alain Unsenos, Johannes Fundermann) trägt zur Tristesse bei. Ein großes Podest dient als Esstisch, Schreibtisch und Bar, die linke Hälfte der Bühne bleibt leer. Doch die Familie kann diesen Raum nicht nutzen: Sie verharrt am Tisch.

Erst als sich der Vertreter und sein Chef begegnen, kommt Bewegung ins Spiel. Willy bittet Howard Wagner (ebenfalls Stefan Nászay, der genauso gelungen den wohlgeratenen Nachbarssohn Bernhard verkörpert), ihn zu versetzen, damit er nicht mehr herumfahren muss. Howard stolziert über das Podest und stopft Tortilla-Chips aus einer riesigen Tüte in sich hinein. Willy hetzt auf dem Boden neben ihm her, versucht Schritt zu halten und sein Anliegen vorzubringen. Die Verzweiflung und der aufrichtige Glaube an sein Recht, die Hartmann in Lomans Gang und Stimme legt, sind schwer mitanzusehen.

Sein Chef dreht sich immer wieder von ihm weg, und statt ihn zu versetzen, feuert Howard den alten Mann. Im Hinausgehen drückt er ihm die Chipstüte in die Hand. Doch Willy greift nicht hinein. Fast wie ein Kind hält er das Luxusgut im Arm und legt die Tüte schließlich weg, ohne gegessen zu haben.

Auch die Äpfel, die die fürsorgliche Linda ständig für Mann und Söhne schält, bleiben auf dem Teller. Und das Laub, das Willy vor der Tür aufzufegen versucht, liegt am Ende immer noch da. Kein Zweifel: Hier bewegt sich nichts. All die Kilometer, die der Vertreter gefahren ist, führen die Familie nirgendwohin. Sein Mantra von souveränem Auftreten und Beziehungen, auf die es ankomme, erinnert an heutige Karriereratgeber und Manager-Worthülsen. Das legt die Frage nahe, was heute den erwartet, der nicht mehr mithalten kann.

Nur einmal ist Loman ausgebrochen, hat sich eine Geliebte geleistet. Früh wird dieser Ehebruch, der sich bitter rächt und zum Zerwürfnis mit Biff führt, angedeutet. „Du bist die Beste von allen“, sagt Willy zu Linda, während vor dem Fenster eine junge Frau ihr Kleid wieder zuknöpft.

Je stärker der Konflikt zwischen Vater und Sohn zutage tritt, umso tragischer ist Beate Rekers Linda. Gebrochen sitzt sie am Tisch, weiß um Willys Selbstmordgedanken und ringt mit sich: Sie kann ihren Mann doch nicht bloßstellen! Sie liebt ihn doch! Und noch schwerer als bei den übrigen Figuren ist das Strahlen auf Lindas Gesicht zu ertragen, wenn sie auf einen Ausweg hofft.

Samstag und Sonntag 20 Uhr, www.pumpenhaus.de

Quelle: wa.de

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