Titus Müllers Buch „Nachtauge“ handelt von der Bombardierung der Möhnetalsperre

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Spezialist für historische Stoffe: Titus Müller.

Von Andreas Sträter - Das Jahr 1943 ist für die Menschen kein Jahr für die Erfüllung persönlicher Wünsche. Georg Hartmann wäre gerne Lehrer geworden. Doch Hartmann muss froh sein, dass sein Schwager, ein linientreuer Gestapo-Mann, ihn vor einem Fronteinsatz bewahrt und ihm den Posten als Lagerleiter beschafft hat.

In einem Lager für Zwangsarbeiterinnen und am Möhnesee spielt der Roman „Nachtauge“ von Titus Müller.

70 Jahre, nachdem das mächtige Mauerwerk am Möhnesee von britischen Bombern gesprengt wurde, schildert der in München lebende Autor die Ereignisse als Mischung aus Agententhriller, Liebesgeschichte und historischer Erzählung. Das Buch liest sich, als sei es bereits das Drehbuch für ein Historienfilmevent eines Privatfernsenders im Stile der Hamburger Flutwelle, der Hindenburg oder des Adlons. Es steckt schließlich genug Herzschmerz drin, aber auch Spannung und Action.

In „Nachtauge“ gibt es zwei parallel verlaufende Handlungsstränge, die der Autor geschickt miteinander verknüpft. Lesern, denen die Geschehnisse des 17. Mai 1943 im Kreis Soest nicht geläufig sind, erschließt sich erst recht spät der Zusammenhang der beiden Geschichten. Da ist also der Lagerleiter Georg, der innerlich auf Distanz zum Nazi-Regime geht. In einem Munitionslager in Neheim verteilt er russische Literatur und Zeitung an die Lagerinsassen und legt Beschwerde bei der Deutschen Arbeitsfront ein, dass die Essensportionen für die Arbeiterinnen zu gering sind. Am Ende verliebt er sich in die Zwangsarbeiterin Nadjeschka, die einen Ausbruch plant. Das zwingt ihn zu folgenreichen Entscheidungen.

Einen anderen Konflikt schildert Müller in dem Teil des Romans, der in England angesiedelt ist. In London herrscht permanent Luftalarm. Der britische Geheimdienst MI5 geht auf die Jagd nach einer deutschen Spionin, deren Codename „Nachtauge“ ist. „Nachtauge“ gleicht einer unsichtbaren Katze, die durch London streift und für die Briten brandgefährlich ist. „Nachtauge“ steht kurz davor, den Plan der Briten aufzudecken, die Möhnetalsperre in Deutschland zu bombardieren. Müller schafft es, die Angst vor dem Scheitern einer kriegsentscheidenden Operation sehr glaubhaft und nachvollziehbar zu beschreiben.

Seine Protagonisten hat Titus Müller sehr facettenreich charakterisiert. Alle Menschen haben Stärken und Schwächen, besonders die Skizzierung des innerlich zerrissenen Georg ist Müller gelungen. Das Handeln der Personen in „Nachtauge“ bleibt zu jeder Zeit nachvollziehbar und alle Protagonisten entwickeln sich im Fortlauf des Romans.

Besonders interessant ist die historische Note des Romans, der gerade im Sauerland und im östlichen Ruhrgebiet viele Leser finden wird. Im Zweiten Weltkrieg am 17. Mai 1943 wurde die Sperrmauer von einer Rollbombe der britischen Luftwaffe getroffen. Eine riesige Flutwelle schob sich über die Nachbargemeinde Ense und die Stadt Neheim in die Ruhr bis ins Ruhrgebiet. Über 1285 Menschen starben in dieser Nacht; darunter auch die beschriebenen 700 Zwangsarbeiterinnen, die in der Nachbarstadt Neheim-Hüsten arbeiteten und in Baracken am Möhnesee übernachten mussten.

Auch die lebensgefährliche Liebesgeschichte zwischen der Zwangsarbeiterin Nadjeschka und dem Lagerleiter Georg Hartmann ist geschichtlichen Vorfällen nachempfunden. Historisches Vorbild ist der Fall des Aufsehers im Barackenlager auf den Möhnewiesen, Karl Josef Stüppardt, und der Zwangsarbeiterin Elena Wolkowa, die sich ebenfalls verliebten und mit viel Glück die Bombardierung der Talsperre überlebten und der Gestapo entfliehen konnten. Wenige Wochen nach Kriegsende heirateten die beiden Verliebten. Sie bekamen sechs Kinder.

Am Ende ist der Stausee auch ein Spiegel der Geschichte: Vor 100 Jahren wurde der Möhnesee als künstliches Gebilde geschaffen, damit das Ruhrgebiet genug Wasser hatte. Ortschaften wurden geflutet, die Menschen wurden umgesiedelt. Im Jahr 1943 wurde der Möhnesee von Menschenhand zerstört. Heute gilt er mit seiner Gastronomie, Landschulheimen, Hotels und Strandbädern als eines der beliebtesten Naherholungsziele in Nordrhein-Westfalen.

Titus Müller: Nachtauge. Blessing Verlag, München. 480 S., 19,99 Euro

Quelle: wa.de

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