Titten und Träume: Die Oper „Anna Nicole“ in Dortmund

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Sie haben sich etwas zu geben: Howard Marshall (Hannes Brock) und Anna Nicole Smith (Emily Newton) in der Dortmunder Oper.

DORTMUND - Als Anna Nicole Smith in den 1990er Jahren Schlagzeilen machte, gehörte das Wort „Fremdschämen“ noch nicht zum deutschen Wortschatz. Eine Karriere als Playmate, Milliardärs-Gattin und -Witwe, Schauspielerin, Unterwäsche-Model und Moderatorin lag hinter ihr, als sie 2007 mit 39 Jahren an einer versehentlichen Überdosis diverser Medikamente starb. Stoff für eine große Oper: Dortmund zeigt „Anna Nicole“ von Mark-Anthony Turnage (Musik) und Richard Thomas (Libretto) in deutscher Erstaufführung – die erste Inszenierung seit der Uraufführung in London 2011; im Herbst folgt eine Produktion in New York.

Von Elisabeth Elling

Intendant Jens-Daniel Herzog kann um Emily Newton in der Titelrolle ein famoses Sängerensemble aufbieten. Und dazu ein Orchester, das unter Jac van Steen eine bemerkenswerte Farbenvielfalt ausbreitet. Turnages Partitur lässt Weill, Bernstein und Verdi anklingen, dazu Jazz und ironisiertes Musical-Pathos. Schroffes Schlagwerk illustriert die Beschimpfungen, die Anna Nicole mit ihrer asozialen Sippschaft wechselt. Und der viel beschäftigte Chor souffliert, wenn sie nicht mehr weiß: „Wo war ich noch stehen geblieben?“ – „F.U.C.K.“ Auch um Kotze, Titten und Schwänze geht es; der englische Text wird übertitelt.

Dank der Mikrofone, die die Sänger tragen, ist das Libretto durchaus zu verstehen. Allerdings beeinträchtigt die Verstärkung die klangliche Qualität und sorgt passagenweise für einen mehligen, lauten Stimmenbrei.

Gespielt wird in einem tristgrauen Raum, dessen Wände sich bewegen, heben und in Fensterausschnitten öffnen lassen (Bühne: Frank Hänig), was Herzog ein flüssiges, prägnantes Erzählen erlaubt. Die Szenen reichen von der miefigen Hähnchenbraterei in einem texanischen Kaff über ein schummriges Lapdance-Lokal (mit drei echten Pole-Tänzerinnen) bis zum Leichenschauhaus. Die Kostüme (Sibylle Gädeke) lehnen sich (wie in weiten Strecken die Handlung) an die echten Bilder an, die Anna Nicole Smith produzierte. In der ersten Szene steigt sie aus dem Leichensack und posiert in schwarzen Strapsen so wie einst für das Werbeposter einer Bekleidungskette, das sie berühmt machte.

Hämische Fremdscham ist jedoch nicht der Blick auf diese Frau. „Anna Nicole“ wird zwar benutzt wie „Lulu“ und verachtet wie „La Traviata“, doch folgt diese Oper keinem hergebrachten Muster. Sie zeigt keine Heldin, kein Opfer und keine Märtyrerin. Die Titelfigur wird auch nicht psychologisch ausgelotet, sondern mit nüchterner, vorurteilsloser Anteilnahme begleitet. Damit bleibt „Anna Nicole“ an der Oberfläche – und vermutlich bei dem, was der echten Vicky Lynn Marshall wichtig war. Zu sehen ist eine Frau mit einem starken Aufstiegsdrang, die bestimmt kein Mitleid will.

Die texanische Sopranistin Emily Newton – beinahe pausenlos auf der Bühne – verströmt im ersten Akt jenen charismatischen Frohsinn, der ihre Figur plausibel macht. Sie stöckelt mit frisch vergrößertem Busen, versumpft später (im Fatsuit) mit Pizzakartons auf dem Sofa, singt sich von beweglicher Koketterie zu tragischem Koloratur-Gewimmer nach dem Tod ihres Sohnes, den sie überwiegend bei ihrer Mutter aufwachsen ließ. Und angelt sich zwischendurch den Öl-Milliardär Howard Marshall.

Hannes Brock zeigt in dieser Partie einen Greis mit großer Lebenssehnsucht – und keinen tatterigen Lustmolch: Ein Mann, der sich seine Träume erfüllen kann, weil er reich ist. Seine und Anna Nicoles Sehnsüchte treffen sich, die Beiden haben sich etwas zu geben und sind sich dabei über ihre Zweckgemeinschaft stets im Klaren.

Morgan Moody brilliert als Howard Stern, als aalglatter Anwalt und Lebensgefährte, der aus Anna Nicoles Entgleisungen den größtmöglichen Profit schlägt. Die vielen kleineren Rollen sind ebenfalls vorzüglich besetzt, etwa mit Katharina Peetz als Anna Nicoles ruppiger Mutter oder Christoph Strehl, der als Talkmaster Larry King einen der peinlichen Auftritte provoziert.

Quelle: wa.de

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