Uwe Timms Novelle „Freitisch“

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Uwe Timm ▪

Von Ralf Stiftel ▪ Uwe Timms Novelle „Freitisch“ kommt harmlos daher, als nostalgisch gefärbte Geschichte eines Wiedersehens. Der Ich-Erzähler trifft einen alten Studienkollegen, der ihn am Anfang gar nicht erkennt. Aber er wird erinnert: An den Freitisch, mit dem eine Versicherung damals, in den frühen 60er Jahren, bedürftige Studenten förderte. Und an den Schriftsteller Arno Schmidt, der seinerzeit eifrig gepflegter Gesprächsstoff war.

Uwe Timm, 1940 war bislang nicht unbedingt als Schmidt-Leser bekannt, und seine Sozialisation, die vor allem in der 68er-Bewegung erfolgte, musste ihn nicht zwingend zu diesem Autor führen. Und doch erscheint er mit dem Werk gründlich vertraut, was sich nicht so sehr in einzelnen Zitaten niederschlägt als darin, wie er den Ton trifft. Gleich auf der ersten Seite, Formulierungen wie „innen lief der Gedächtnisspeicher auf Hochtouren...“ und Einwürfe wie „Serves him right“ knüpfen an den konzentrierten Stil Schmidts an. Als Hommage ist Timms Buch allemal geglückt.

Auch die Konstruktion der Erzählung baut auf dem Monologischen der frühen Romane auf, zum Beispiel bei „Aus dem Leben eines Fauns“ oder bei kurzen Prosastücken, die für Zeitungen entstanden, wie den Stürenburg-Erzählungen, die überwiegend die Form von Rahmenerzählungen haben. Und in „Freitisch“ kommt allerhand zur Sprache, während die beiden einander fremd gewordenen Tischgenossen von einst Erinnerungen austauschen. Da wird gar nicht so nostalgisch auf eine Zeit der Widerständigkeit zurückgeblickt, auf Vietnam und die SPD, und ein Einwurf wie „immer staatstragend die Genossen“ ist sehr aus Schmidts Geist. Dazu kommen feine Vignetten wie die Beschreibung eines Happenings im coolen Schwabing von damals. Das kann man mögen.

Ganz so unverbindlich nostalgisch, wie es zunächst klingt, ist das Buch nicht. Timm verschränkt die Liebe zur Literatur mit der Politik, schlägt Brücken von den Erinnerungen der beiden Protagonisten in die Gegenwart. Euler, der Schmidt-Fan von einst, ist inzwischen zum erfolgreichen Unternehmer mutiert, der eine Mülldeponie plant hier im sich leerenden deutschen Osten, in Anklam, wo das als Hoffnungsschimmer empfunden wird. Und der Erzähler lässt nicht aus, dass in der vermeintlichen Idylle, in die er mit seiner norwegischen Frau zog, leider auch die „Glatzen“ hausen. Timm formuliert das schön kompakt: „Gerade kommt, wie von mir inszeniert, einer aus der rechten Szene vorbei, klein, vom Bodybuilding und den Hormonen aufgequollen...“

Am Ende kamen die Studenten noch nach Bargfeld, wohin sich Arno Schmidt zurückgezogen hatte. Der Meister hat seinen Auftritt, provoziert durch eine hinterhältige List. Wer Schmidts Bücher kennt, versteht mehr von Timms anspielungssatter Novelle. Aber auch ohne das ist diese ruhige Erzählung mit ihrem Doppelspiel zwischen Fiktion und Realität ein beträchtlicher Lesegenuss.

Uwe Timm: Freitisch. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln. 136 S., 16, 95 Euro

Quelle: wa.de

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