„Time to Close Your Eyes“ in Bochum

Mal launig, mal besinnlich: Szene aus „Time to Close Your Eyes“ in Bochum mit Roland Riebeling und SLIXS.

BOCHUM - Die letzten Dinge, die großen Schwellen des Lebens, kann man nur umschreiben. Nicht, dass das nicht versucht worden wäre, ein Großteil unseres kulturellen Erbes lebt davon: Goethe, Eichendorff, Bach. An den Kammerspielen Bochum werden diese Landmarken auch eingeschlagen. „Time to close your eyes“ hat Regisseur Olaf Kröck den Theaterabend genannt, und als Genrebezeichnung „eine Stückentwicklung“ daruntergeschrieben. Das ist zutreffend. Herausgekommen ist ein Stück wie eine Mindmap: Was fällt dir zum Thema Schlaf und Tod ein?

Es ist eine gedämpfte Revue: ein bisschen Philosophie, ein bisschen Ratgeberlyrik, ein bisschen Comedy. Bei all der Gedämpftheit ist es ganz angenehm, als die Schauspielerin Lisa Jopt sich einmal in einen „Befreie dich selbst“-Monolog hineinsteigert, in Unterwäsche über die kahle Bühne fegt, steppt und sich dreht und total ausflippt: „Scheiß aufs Coolsein“, ruft sie, „schaff dein eigenes Uncool.“ Das Leben ist schließlich kurz. Eine komische Erleichterung in einem Abend, der nicht richtig zu sich findet.

Eigentlich gäbe es viel spannendes Potenzial. Neben vier Schauspielern, die ihr Bestes geben, ihre mal komischen, mal sachlich-ernsten Monologe eindringlich zu vermitteln, treten ein Tanzensemble und ein A-cappella-Chor. Die Tänzer sind nicht nur junge, fitte Menschen, zwei ältere sind dabei. Das Gesangsensemble SLIXS bietet Satzgesang in Bachs Choral „Komm, o Tod du Schlafes Bruder“, singt Purcells unsterbliche Todesarie „When I am laid in Earth“ – und macht plötzlich eine hymnische Afropop-Nummer daraus, in einem Dialog mit Martin Weigel, der über seine Beerdigung spricht. Er wolle dereinst in die Erde, damit sein Körper den Würmern zur Nahrung dient, immer noch Teil des großen Kreislaufs.

Aber die darstellenden Künste treffen weniger schaffend aufeinander, meist wechseln sie sich ab und untermalen sich: erst ein Monolog, dann eine Tanzeinlage, dann Gesang. Dabei wäre doch dies das große Potenzial gewesen, denn die große Schwelle betrifft alle: Körper, Seele und Geist. Gerade der Tanz hätte mehr zu bieten als eine konventionelle Tanztheater-Sequenz (Choreografie: Dominika Knapik) über Schlafposen. Die Tänzer bleiben oft hinter einer Schiebewand (Bühne: Angela Weyer), wie entrückt. Die Bühne ist schmucklos. Einmal hängen Stämme vom Schnürboden, ein schwebender Wald als Albtraumkulisse. Das ist aber eher ein Intermezzo.

Es gibt nicht nur Tipps zu Schlafzyklen und Schlafposen sowie launige Erzählungen von Abendritualen und Albträumen – sehr lustig die Erzählung einer verpatzten „Don Karlos“-Aufführung von Roland Riebeling. Am Ende beschreiben die vier Schauspieler, was physiologisch beim Sterben passiert. Das ist Theater als Wikipedia-Eintrag: Forscher sagen, Ärzte meinen, Pfleger achten auf jene Zeichen, ein bisschen Populärwissenschaft, und das Atmen wird immer schwerer. Es folgt ein romantisches Ende zu Eichendorffs „Mondnacht“ in der Vertonung von Robert Schumann. Die Tänzer stehen nackt im diffusen Licht, Körper, so unterschiedlich und doch in ihrem Schicksal alle gleich. Über die großen Vorbilder kommt dieser Abend lange nicht hinaus.

11., 30.4., 21., 31.5., 7., 21., 24.6., 5., 8.7.,

Tel. 0234 / 33 33 55 55, www.schauspielhausbochum.de

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