Tiger Lillies spielen in Dortmund

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Mürrisch und abgezockt: Die Tiger Lillies sind in Dortmund Jonas Golland (von links), Martyn Jacques und Adrian Stout. 

Dortmund - Sie war gar kein Mädchen, singt Martyn Jacques düster und absichtsvoll. Seine „Aunty Mabel“ ist eine Figur am Rand der Gesellschaft. Sie hat ihre Beine im Weltkrieg verloren, und wer an ihre Prothesen will, um noch weiter vorzustoßen, der wird eine „dicke“ Überraschung erleben, ist das hämische Ende dieser knarzenden Moritat.

Dabei reibt sich Martyn Jacques seinen Oberschenkel ekelig wie provokant, und Adrian Stout schubbert genüsslich über Saiten und Klangkörper seiner Gitarre, um der Fummelei einen ruppigen Ton zu geben. Solche verqueren Nummern zählen zu den dünnen Showeinlagen der Tiger Lillies. Die britische Band hat am Freitagabend im Dortmunder Konzerthaus ihr Publikum aber vollends erfreut.

Martyn Jacques (Akkordeon, Piano, Gesang), Adrian Stout (Bass, Singende Säge) und Jonas Golland (Schlagzeug) sind ein schräges Trio. Hinter der Clownsschminke agieren die Tiger Lillies maskenhaft, aber hoch konzentriert. Jacques’ Texte sind vom Bordell- und Kneipenmilieu des Londoner Stadtteils Soho eingefärbt, seine böse Theatralik entstammt dem Viktorianischen Zeitalter und ein bisschen Bertolt Brecht mit dem Berlin der 20er Jahre lässt sich in der Melancholie der steifen Couplets auch erspüren.

Bei den Tiger Lillies gibt es kein „Hallo Dortmund“, es gibt keinen Anfang und kein inszeniertes Ende, denn ihr Liederfundus hat seine eigene Dramaturgie. Sie ruht als Miniatur in jedem Stück und wird von Martyn Jacques freigelegt. Er ist zentral, seine Falsettstimme entwirft einen Gefühlskosmos, der vor allem das Fiese des Lebens vibrierend beschwört. In „The Dreadful Story of Harriet and the Matches (aus dem „Struwwelpeter“) jault er das Miau der Katzen so leidvoll und erschütternd, dass es sich schon bald im Jammertal ein wenig warm wie mulmig anfühlt. Das frühe Lied „The Cheapest Show“ endet er mit einem Wortstakkato, das seine Virtuosität und Kraft demonstriert. Der Gründer der Tiger Lillies (1989) kontrolliert Erzählstoff und Publikum souverän. Er ist ein Geschichtenbestimmer.

Jacques hat den Soundtrack zu Büchners „Woyzeck“ 2001 in Wien komponiert, er hat Texte vom US-Schriftsteller Edward Gorey (2003) vertont, und den Stummfilm „Varieté“ von Ewald André Dupont 2015 mit Musik versehen. Seine Bühnenpräsenz ist magisch und lauernd. Beim „Drugstore Blues“ greift er zur Ukulele und schenkt dem Billy, der nach Drogen und Knast auf dem Friedhof endet, ein eindringliches Solo. Beim blasphemischen „Banging the Nails“ (Nägel kloppen) gibt’s harte Euphorie, da Jacques gegen alle Heiligkeit ansingt – die Dornenkrone sei seine Idee gewesen. Den „Bank Robber Blue“ ziehen die Tiger Lillies so in die Länge, dass einige Zuhörer dazwischen klatschen. Jacques macht sich aber nicht gemein. Trotz Beifall und Gejohle bleiben die Tiger Lillies im Nebel der rot und grün illuminierten Bühne bei sich. Die erzählte Zeit („Sweet Suicide“) liegt schicksalsschwer in der Luft. Manchmal ist man für eine kleine tröstliche Melodie auf dem Piano wie in „Teardrops“ richtig dankbar. So erreicht der Abend eine Intimität, die mit tastender Spieltechnik erfüllt wird. Erstaunlich.

Manchmal erinnert Jacques’ Stimme an Mick Hucknall von Simply Red. Aber die Tiger Lillies spielen Polka („Gin“), Folk-Rock („Start a Fire“), Walzer- und Klezmer-Rhythmen.

Was wollt ihr noch, ist ein plötzliches Angebot. „Living Hell“ wird gefordert, „Heroin and Cocaine“ ist mit überschlagendem Sprechgesang zu hören. Und „My Funny Valentine“. Nach der Zugabe signieren die Tiger Lillies ihre CDs im Foyer.

Quelle: wa.de

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