ThyssenKrupp Campus von JSWD und Chaix et Morel

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Das Hauptgebäude auf dem ThyssenKrupp Campus in Essen, das Q1 mit variabler Sonnenschutz-Fassade. ▪

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Das Rätsel Q 1 ist nicht leicht zu lösen. Q steht für Quartier, die Eins für das zentrale Gebäude der neuen ThyssenKrupp-Hauptverwaltung. Aber was macht Q 1 so anziehend, so selbstbestimmt, ja magisch. Sind es die beiden L-Formen, die um ein lichthelles Atrium gefügt sind? Ist es die Form und das Volumenmaß? Ist es die vielteilige Fassade, die sich nach dem Sonnenstand ausrichtet? Ist es die Lage an der Wasserachse der neuen Campus-Architektur in Essen?

Architekt Jürgen Steffens ist selbst ein bisschen überrascht. „Es entwickelt eine enorme Kraft. Das hätte ich nicht gedacht“, sagt der 50-Jährige, der mit den Architekten von JWSD (Köln) und den Partnern aus Paris Chaix & Morel et associés die neue ThyssenKrupp-Zentrale entworfen hat. Die Büros kooperieren seit einigen Jahren. Nach ihren Plänen wird der Hauptbahnhof in Luxemburg umgebaut. JWSD, die in NRW öffentliche Bauten wie Schulen (Köln, Witten), Bahnhofsgebäude (Wuppertal) und Wohnhäuser (Düren, Köln, Bensberg) entworfen haben, unterstreichen in Essen ihre Spezialität: im innerstädtischen Raum maßvolle Lösungen zu finden. Wichtig sind Ökologie, Identität und Technik.

Für ThyssenKrupp bedeutete das, einerseits die Zentrale des Weltkonzerns für Mitarbeiter aus Essen, Bochum und Düsseldorf zu konzentrieren, und andererseits eine Architektur zu entwickeln, die die Unternehmenskultur zum Ausdruck bringt. Corporate Architecture heißt das und findet bei großen Firmen immer mehr Anklang. Die Baukunst profiliert die Außendarstellung des Unternehmen. Aktuelle Beispiele dafür sind das Porsche und das Mercedes Museum, beide in Stuttgart.

In Essen geht es aber nicht um Autos und Mobilität, sondern um einen Konzern, der neueste Techniken entwickelt und höchste Ingenieurkunst bietet. Ziel: Innovation muss spürbar werden. Tradierte Symbolarchitektur wie Wolkenkratzer, Stadtzeichen und pathetische Solitäre werden von JSWD und Chaix & Morel et associés nicht gebaut. Transparenz ist ein Markenkern von ThyssenKrupp, den die weitläufige Campus-Anlage verströmt. Mehrere Gebäude in aufsteigender Größe liegen entlang einer Wasserfläche von rund 200 Metern. Autos sind in Parkhäuser und Tiefgaragen verbannt. Die gesamte Anlieferung erfolgt unter der Erde. 68 Bäume aus fünf Kontinenten sind gepflanzt, breite Boulevards angelegt. So wirkt die Arbeitswelt geordnet und stressfrei – von außen betrachtet.

Das Q 1 ist ein Novum am Ende des Campus, weil das 50 Meter hohe Gebäude von zwei Fenstern (26 Meter breit, 28 Meter hoch) dominiert wird. Man kann durchs ganze Gebäude schauen. Die Panoramafenster sind Konstruktionen aus einzelnen Scheiben, die von einem Stahlseilsystem gehalten werden. Das Atrium darin wirkt wie eine offene Halle, die aufgrund der Fensterfläche im Dach eine ungeahnte Leichtigkeit inszeniert. Mit den beiden L-Formen, die die Büros des Q 1 aufnehmen, entsteht eine Balance aus Masse und Freiraum, die sich auch atmosphärisch auf dem Campus vermittelt.

Erneuerungskraft und Innovationswille soll das ThyssenKrupp Quartier vermitteln. Dazu trägt der Sonnenschutz bei. Am Q 1 gehen 400 000 Lamellen in Stellung, wenn das Tageslicht zunimmt. Sie verdichten sich zu einer rauen grauen Haut, die sich um den schützenswerten Baukörper formiert. Mit dem Werkstoff Nirosta 4404 setzt ThyssenKrupp eine Eigenentwicklung ein, die doppelten Korrosionsschutz bietet als die Vorläufer-Materialien. Computergesteuert erhält die Anlage Informationen von den Wetterstationen auf dem Q 1-Dach. Die Raumtemperatur in den Büros wird bei 21 bis 26 Grad gehalten. Energiefressende Klimaanlagen sind Vergangenheit.

Hier bekommt der Begriff Corporate Architecture eine weitere Bedeutung. Die neue Hauptverwaltung mit geplanten 3000 Arbeitsplätzen wirbt für die eigenen Baulösungen.

Das Stahlblech Pladur ZM ist ein zweites Beispiel dafür. Es soll Fassadenverkleidungen günstiger machen. Anstelle teurer Aluminium-Profile hat ThyssenKrupp ein mit Zink und Magnesium beschichtetes Blech entwickelt, das mehrfach lackiert, eine Alternative darstellen will. Perlmetallic Gold ist am Q 1 verbaut worden. Ein warmer Farbton, der an Champagner erinnert, und sehr werthaltig, vielleicht etwas nobel wirkt.

Die Farbe taucht vor allem im Innenbereichen auf, wo die L-Formen kompakte wie interessante Raumvolumen bilden. Kombiniert wird sie mit gekälkter Eiche und einer hellen Betonwerksteinplatte. Angestellte, die nicht den Außenblick auf die Kokerei Zollverein oder den Gasometer Oberhausen haben, spüren Architektur und Tageslicht. Die Arbeitsplätze sind optimiert. Das ist kein Luxus für Jürgen Steffens. Im Bürobau werden Hierarchien minimiert. Steffens und seine Kölner Kollegen haben bei Günther Benisch gelernt, einem Vertreter des demokratischen Bauens der 70er Jahre.

Für die Stadt Essen ist die 300-Millionen-Euro-Investition von ThyssenKrupp ein Glücksfall. Die historische Weststadt, wo 1818 die Gussstahlfabrik Krupp gegründet wurde, ist wiederbelebt. Der Campus und der Kruppgürtel werden mit ihren 230 Hektar zum Investitionsgrund. Stadtteilzentren, Wohnraum-Projekte, der ThyssenKrupp-Park und ein Vier-Sterne-Hotel sind ehrgeizige Planungsziele. Der Weltkonzern, der 173 000 Mitarbeiter in 80 Ländern beschäftigt und 40 Milliarden Euro umsetzt, bekennt sich zu seinen Essener Wurzeln. Für 100 Millionen Euro konnte das Drei-Scheiben-Haus in Düsseldorf veräußert werden, das vorher Firmensitz war. Und bald soll auch das kleine Stammhaus der Familie Krupp wieder zugänglich sein, in dem die Familie im 19. Jahrhundert lebte, bevor man in die Villa Hügel zog. Nur ein Nachbau von 1961, aber eine schöne Erinnerung an die alte Zeit.

Quartier-Tage

Am Samstag und Sonntag, den 18./19. September, finden auf dem ThyssenKrupp Campus die Quartier-Tage statt. Von 10 bis 18 Uhr können das Gelände und Teile der Gebäude besichtigt werden. Ein buntes Unterhaltungsprogramm ist geplant.

Quelle: wa.de

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