Thomas Hengelbrock dirigiert Münchner Philharmoniker in Dortmund

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Thomas Hengelbrock ▪

Von Edda Breski ▪ DORTMUND–Wie bürgerliche Orchestertradition und historisch informierte Aufführungspraxis verbunden werden können, darüber scheiden sich Geister. Eine überzeugende Antwort gab in Dortmund Thomas Hengelbrock. Er dirigierte im Konzerthaus die Münchner Philharmoniker. Der Spezialist in Sachen Alte Musik leitete ein Orchester, das den dunklen, gern pathetischen „deutschen Ton” kultiviert. Eine schöne Kombination mit mehr als hörenswerten Ergebnissen.

Hengelbrock hat ein Programm gewählt, das die Feinheiten dieser Zusammenarbeit unterstreicht. So geben die Münchner in „Malebolge” des britischen Komponisten Simon Wills Gas – sorgfältig gelenkt von Hengelbrock, der die Struktur gegen die dynamische Wucht des Stücks verteidigt. Wills Arbeit ist im weiteren Sinne eine Tondichtung: Sie setzt die Rede des Odysseus aus dem 26. Gesang von Dantes „Göttlicher Komödie” in eine Ton-Reise durch unheimliche Atmosphäre und wütenden Rausch um. Aus tiefstem Dunkel – acht Kontrabässe und Pauke mit einem aus dem Nichts heraufzitternden Piano – steigen Spannungsbögen auf, dazwischen flimmern hektische Violinfiguren. Eine Sarabande durchzieht das Werk; Wills entwickelt aus dem Schreit-Tanz kraftvolle Rhythmik – ein dichtes Werk, das filmhaft Bilder heraufbeschwört.

Dem gegenüber ist das Violinkonzert Nr. 2 von Dmitri Schostakowitsch gestellt. Sergej Khatchatryan ist der Solist. Der 25-jährige Armenier beherrscht die Kunst, seine Geige singen zu lassen: einen Gesang von Einsamkeit und Isolation. Seine Virtuosität steht im Dienst des Ausdrucks, seine Expressivität ist immens, aber unaufdringlich. Wie er im ersten Satz das Tanzmotiv dahintupft und unberührt vom tobenden Orchester in einen einsamen Exzess steigert, wie er nach der Aufwallung aller Instrumente bruchlos übernimmt und in der Kadenz aus der tieftraurigen Melodie in Doppelgriffen ein Duett mit sich selbst herausschält, in seinem Spiel eine Gewissheit, die nichts von Trost hat – das nimmt den Atem. Dabei bleibt er im vorgeschriebenen Moderato, erlegt sich eine Kontrolle auf, die den Part um so eindringlicher wirken lässt. Sogar Hengelbrock blättert seine Partitur nur noch mit den Fingerspitzen um.

Für die „große” Schubertsinfonie, die Achte, lässt der Experte für historische Aufführungspraxis umstellen: die Holzbläser nach vorne, Celli und Bratschen dahinter, die ersten und zweiten Violinen gemäß der deutschen Orchesteraufstellung links und rechts. Das gibt einen weiten, durchlässigen Klang. Hengelbrocks Schubert ringt mit dem Vorbild Beethoven, im kühnen Entwurf, in der Strahlkraft und im mächtigen Puls. Die Münchner spielen duftig, teils mozartisch singend, ihre Wucht bändigt Hengelbrock durch strukturelle Klarheit und fein austarierte dynamische Arbeit. Die Sätze federn. Fast könnte der Romantiker in Schubert vor dem Klassiker zurücktreten. Und dann gibt es Momente wie diesen: Im allerletzten Akkord dimmt Hengelbrock die Glanzeffekte herunter, lässt durch dynamische Verschiebung den leuchtenden, ins Triumphale gesteigerten Ausdruck ins Romantisch-Verschattete gleiten.

Quelle: wa.de

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