Therapie mit Musik: Der Graf von Unheilig im Interview

Bernd Heinrich Graf alias „Der Graf“ ist vor der Tour gut gelaunt. ▪

AACHEN ▪ Mit der Ballade „Geboren, um zu leben“ schaffte Der Graf mit seiner Band Unheilig vor zwei Jahren den Durchbruch: Es hagelte Auszeichnungen und Preise, und Fans von 8 bis 88 feierten den Sänger, der eigentlich aus der Gothic-Ecke kommt und nun ein breites Publikum bedient. Im März erschien das neue Album „Lichter der Stadt“, die gleichnamige Tour startet am Samstag in Meppen. Im Gespräch mit Carmen Möller-Sendler erklärt Der Graf, dass dieses Album ein therapeutisches ist, mit dem er den Hype der vergangenen zwei Jahre verarbeitet hat.

Sind Sie schwermütig?

Ich bin ein sehr lebensbejahender Mensch, schwermütig bin ich gar nicht. Ich setze mich nur mit den Dingen, die so in meinem Leben passieren, auseinander, und ich brauche die Musik, um das zu reflektieren. Wenn mich was berührt, wenn ich mit etwas arbeite im Kopf, dann schreibe ich ein Lied drüber, das mir hilft, das zu verarbeiten. Es ist wie ein gutes Gespräch: Wenn man über die Dinge redet, fühlt man sich danach besser. Genauso mache ich das mit den Liedern.

Etwa im neuen Lied „So wie du warst?“

Nicht nur da. Das ganze Album ist nichts anderes als ein musikalisches Tagebuch über das, was in den letzten zwei Jahren so auf mich eingeprasselt ist, eben durch diesen großen Erfolg von „Geboren, um zu leben“ – Preisverleihungen, Fernsehauftritte, Radio und alles, was dazugehört. Und da hat mir die Musik geholfen: Wir haben überall, wo wir waren, ein kleines Studio aufgebaut, Laptop, ein Keyboard und zwei Lautsprecher, und da konnte ich mir das dann von der Seele schreiben. „So wie du warst“ ist entstanden, weil ich nur noch unterwegs war. Man kriegt Heimweh, und dann erinnert man sich an all die Leute, die man vermisst. Das Lied handelt ja davon, lange fort zu sein und irgendwann wieder zurückzukommen.

Neben den Balladen gibt es überraschend viele dynamische Stücke auf dem Album.

Ja, es gibt rammsteinige Lieder, poppige Lieder, rockige Lieder, es ist immer eine gute Mischung. Das braucht man auch, sonst wird es langweilig.

Es heißt, Sie machen Musik für die ganze Familie.

Ja, Unheilig war immer eine Familienband. Meine Konzerte besuchen Menschen zwischen 8 und 88, Kinder zwischen sechs und zehn und Leute über 65 kommen auch kostenlos rein. Wir haben ein großes, unheiliges Kinderland mit auf unserer Tour, wo die Kinder mit pädagogischem Personal basteln, Musik und Sport machen können. Das ist etwas, das, glaube ich, sonst keiner macht.

Was antworten Sie denn normalerweise, wenn man Sie mit Rammstein vergleicht?

Super! Für mich ist Rammstein der Metal der Neuzeit, und wenn ein Lied gitarrenlastig sein soll und groß sein soll und martialisch, dann muss das in meinen Ohren so klingen wie Rammstein. Etwa im Lied „Eisenmann“. Den „Eisenmann“ hab' ich geschrieben, weil ich mir 2010 und 2011 manchmal so ‘ne Art Ritterrüstung gewünscht habe, an der die ganze Kritik abprallt.

Das Album heißt „Lichter der Stadt?“ Was fasziniert Sie am Phänomen Stadt?

Stadt ist das Sinnbild meines Erfolges. Ich kam mir damals, 2010, durch den Erfolg vor wie der kleine Junge vom Land, der plötzlich sich in der Großstadt befand. Das ist ja wirklich so gewesen: Ich komme aus der Gothic-Szene, die war recht ruhig, und plötzlich stehst du in dieser Öffentlichkeit! Das war wie einer, der die Großstadt nicht kennt und sich plötzlich darin zurechtfinden muss. Die ist unbekannt, die ist ein bisschen bedrohlich, das ist alles ungewiss, was so passiert, es ist sehr viel Bewegung drin, es prasselt alles an Eindrücken auf einen rein – und da war mir klar, dass das das neue Konzept des nächsten Albums ist.

Zieht es Sie denn jetzt in diese große Stadt?

Nein. Ich bin in Aachen aufgewachsen, lebe immer noch in Aachen und hier bleib ich auch, hier geh‘ ich nie weg! Aachen ist die schönste Stadt der Welt.

Sie haben sich gleich vier Produzenten für dieses Album geholt.

Diesmal hatte ich ja die große Freiheit, mir das aussuchen zu können. Also habe ich mir die Demo-Versionen meiner Lieder angehört und überlegt, welcher Produzent könnte dazu passen? Bei „Lichter der Stadt“ etwa habe ich mir so gedacht: U2-Gitarren, bisschen Coldplay drin, bisschen A-ha-Style drin, das wär' eigentlich ganz nett. Also hab' ich einfach ins Plattenregal gegriffen und geguckt, welcher Produzent das letzte A-ha-Album produziert hat. Und dann hab' ich gesagt, den möchte ich treffen. Und das war super! Insgesamt vier Produzenten sind es nun geworden, und trotzdem ist das Album homogen und nicht so, dass es viele Ecken und Kanten hat.

Auch Andreas Bourani und Xavier Naidoo haben am neuen Album mitgewirkt.

Es ist ja eine Art musikalisches Tagebuch, und dazu gehören auch die Künstler, die ich in den beiden letzten Jahren kennen gelernt habe. Andreas Bourani kommt sogar mit auf die Tour, und so können wir das Lied „Wie wir waren“ auch live singen.

Was kommt für Sie nach dem Tod?

Nach dem Tod hoffe ich, dass ich ganz viele Leute wiedersehe, die ich schon lange vermisse. Mich beruhigt die Vorstellung, dass wir uns alle mal wiedersehen! Ich glaub‘, dann ist alles wieder okay.

Quelle: wa.de

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