Theo Thijssens Roman „Ein Junge wie Kees“

Theo Thijssen, niederländischer Schriftsteller. Foto: Theo Thijssen Museum

Schon einmal vom „Schwimmbadschritt“ gehört? Jeder Holländer hat eine Vorstellung von dem „zwembadpas“. Und Theo Thissen erklärt es ja klar und einfach. „Wenn man ganz schnell vorankommen wollte, musste man sich beim Gehen vornüber neigen, ganz als ob man ständig hinfiele, und dann immer die Arme schwenken, hin und her.“ Weil die Jungs besonders auf dem Weg zum Schwimmbad in diesen Schritt verfielen, bekam er seinen Namen.

Theo Thijssen (1879–1943) hat sich mit seinem Roman „Ein Junge wie Kees“ unter die Klassiker der modernen niederländischen Literatur geschrieben. Erste Partien, darunter das Kapitel mit dem Schwimmbadschritt, erschienen ab 1908, das Buch kam 1923 heraus. Thijssen, Lehrer und sozialistischer Politiker, schildert darin das Leben des Jungen Cornelis „Kees“ Bakels, ungefähr elf oder zwölf Jahre alt. Seine Eltern betreiben ein nicht sehr erfolgreiches Schuhgeschäft, und das Geld ist so knapp, dass selbst die Anschaffung von Farbkreide, geschweige denn eines Atlas schwierig wird. Später erkrankt der Vater und stirbt auch. Der Laden muss – mit Hilfe des Schwiegervaters und von Onkel Dirk – aufgelöst werden. Und Kees muss nicht mehr nur die Raten zum Pfandleiher bringen und Medizin aus der Apotheke holen.

Aber Thijssen schrieb nicht einfach eine Sozialstudie über das Aufwachsen in schwierigen Verhältnissen. Er erzählt konsequent aus der Perspektive von Kees. Und der empfindet zwar deutlich die Nachteile, wenn das Geld knapp ist. So überlegt er, als es um Malkreide geht, dass er „richtig berühmt … genau wie Rembrandt“ werden könnte. „Wie anders wäre das nicht gewesen, hätte er von Anfang an die gleichen Chancen gehabt.“ Aber Thijssen vermittelt vor allem die Fantasie und die Lebenslust des Jungen, der sich vorpubertär in seine Klassenkameradin Rosa Overbeek verliebt, der Briefmarken sammelt und sich über die „Große Persische“ freut, der sich in Tagträumen ausmalt, einen Verein junger Fremdenführer für Amsterdam zu gründen. Als ihm ein zutraulicher Hund auf der Straße begegnet, stellt er sich vor, wie es wäre, eine fast bewusstlose Dame im Gebüsch vor einem Angreifer zu retten, den der treue Bruno knurrend verjagt.

Der positive Grundton und die Einfühlung in die kindliche Gedankenwelt haben gewiss dazu beigetragen, dass Thijssens Buch in unserem Nachbarland so kanonisch wurde. Lange gab es keine deutsche Ausgabe, jetzt hat Rolf Erdorf „Kees de Jongen“ neu übersetzt, mit einem frischen Ton, aber ohne die historische Distanz zu verleugnen.

Thijssen hat mit seinen eindringlichen Milieuschilderungen tiefe Spuren in der niederländischen Literatur hinterlassen. In Amsterdam gibt es ein Thijssen-Museum, das über Leben und Werk informiert und vor dem immer wieder mal Freiwillige den Schwimmbadschritt ausprobieren.

Theo Thijssen: Ein Junge wie Kees. Deutsch von Rolf Erdorf. Wallstein Verlag, Göttingen. 432 S., 24 Euro

www.theothijssenmuseum. nl

Quelle: wa.de

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