Theatershow „Traces" in Kölner Philharmonie

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Sprung vom Skateboard: Bradley Henderson in der neuen Show „Traces“, zu sehen in der Kölner Philharmonie.

KÖLN - Ihr gestreckter Salto landet auf seinen großen Händen. Und er stemmt die kleine Frau in die Höhe. Sie wirkt mit ihren 158 Zentimetern neben seinem breiten und 1,88 Meter langen Körper ein wenig schutzbedürftig. Valérie hat sich Mason anvertraut und beide vollführen einen akrobatischen Pas-de-deux, wie er wohl noch nie geturnt, getanzt, ja gefühlt wurde.

Die zwei gehören zu den sieben jungen Zirkus- Künstlern, die die Show „Traces“ zeigen, spielen, nein, sein wollen. Denn das neue Konzept der Compagnie „Les 7 Doigts de la Main“ aus Montreal (ungefähr: fünf Finger einer Hand, die zusammen wirken) will Zirkuskunst aus der illusionistischen Manege holen und über alltägliche Situationen und Dinge persönlicher machen.

In der Philharmonie in Köln wird im Rahmen des „Sommerfestivals“ nun „Traces“ (Spuren) vorgestellt. Eine Premiere für NRW. Bereits 2006 ist diese Showform erdacht worden und seitdem auf Erfolgstour. Es geht nicht um höher, schneller, weiter, sondern auch um Gefühle und Eigenheiten. Für Valérie und Mason heißt das, neben Akrobatik müssen Haltegriffe und Berührungen wie bei zwei Menschen wirken, die etwas für einander empfinden. Es kribbelt. Nicht nur, wenn Valérie kopfwärts herab fällt und von ihm im letzten Augenblick gestoppt wird, auch wenn er sie für einen Moment umarmt und sie wie einen Schatz in seinen Armen bewahrt. Das fühlt sich gut an.

Das Kölner Publikum ist begeistert. Als sich die „Traces“-Akteure in Kurzform wie auf Facebook beschreiben, erhalten sie sogar für den „Steckbrief“ Szenenapplaus. Zu Beginn der Show hatten sie sich alle schon namentlich vorgestellt und etwas von sich erzählt. Mit diesem Kunstgriff wird eine Nähe aufgebaut, die nicht ohne Fantasie auskommt. „Traces“ ist eine Theaterperformance mit Zirkus- und Varieté-Nummern. Die Compagnie aus Montreal, die 2002 gegründet wurde und aus Zirkusleuten besteht, variiert die Manegenkunst und trägt sie in die Theaterhäuser.

Valérie ist die einzige Frau des Abends. Eine Lovestory gibt es folglich nicht. Was sollten die anderen fünf Kerle sonst machen? Ausgangspunkt ist ein prophezeiter Weltuntergang, dem die jungen Leute in einem Bunker mit ihren Fähigkeiten und Absichten entgegentreten. Die Bühne wirkt dabei eher wie ein leerer Tanzsaal oder ein verkommenes Bühnenhaus. Die Dekoration hat viel Retrocharme. Das Klavier erinnert an alte Überseekisten.

Nun zeigen sie sich. Florian („romantisch“) ist ein Balance-Turner, der mit einem Stuhl arbeitet. Sein einarmiger Handstand ist perfekter Kraftsport, ein Kopfstand auf mehreren Stühlen zirkusreif. Gleich danach muss er einen Song singen und auf der Gitarre dazu spielen. Die Gruppe will das so, und das Publikum hat Mitleid mit Florian, der japst. Seine Vielseitigkeit wird letztlich gefeiert.

So deckt jeder „Traces“-Akteur die Visitenkarte auf. Valérie zelebriert eine Hochseil-Nummer, einsam im roten Kleid. LJ, auch Kalyn genannt („nachtragend“), bietet herrliche Flugnummern von der Wippe aus. Bradley Henderson ist im großen Reifen eine Show. Mit dem neuen Gerät öffnet er eine Welt der Bewegung mit HipHop-Musik, ohne das der Vorhang hoch geht. Es wirken dann doch die alten Zirkusgesetze. Man staunt über Mut und Körperbeherrschung.

Neugierig machen einen die dramaturgischen Einfälle. Wenn die sieben „Traces“-Menschen am Boden liegen und mit Kreide ihre Lage skizzieren, projiziert eine Videokamera das Gruppenbild auf die Leinwand. Eine Mischung aus Kinderspiel und Zeichnung, die gefällt. So wechselt die Show das Tempo und die Ausdrucksmittel. T-Shirts werden bemalt, Kreise gezogen und ein großes Herz doch wieder gestrichen. Wer ist wer? Was passiert im Leben, das sind Fragen, die die Show zusammenhalten.

Der Soundtrack ist kein Rock-Pop-Allerlei, sondern vielseitig mit Klassik, Folk, Jazz... Nummern mit Skateboards, einem Basketball und einem Lesesessel zeigen, dass „Traces“ sehr viel Street Art aufnimmt, wie einst „Stomp“. Das ist ideenreich, witzig und parodiert an einer Stelle Castingshows.

Mit der Bewegungskultur von „Traces“ wird vor allem Jugendlichkeit verströmt. Die Sehnsucht nach Glück, das Selbstverständnis jedes einzelnen und die Hoffnungen des Lebens hinterlassen Spuren, die beschwingen und einen tragen. In Köln gab es nach 90 Minuten Standing Ovations. - Von Achim Lettmann

Quelle: wa.de

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