Theaterplakate von Grindler und Pfüller im Museum Folkwang Essen

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Doppeldeutig: Frieder Grindlers Plakat für eine Inszenierung von Goldonis „Das Kaffeehaus“ wird im Museum Folkwang in Essen gezeigt.

Von Achim Lettmann ▪ ESSEN–Solche Fotomontagen überraschen. Die Tülle einer Kaffeekanne schaut zwischen dicken Lippen hervor und tropft. Ein kleiner Daumen lugt aus einem deutlich größeren heraus, als ob er aus einem Ei geschlüpft wäre. Frieder Grindler hat diese mehrdeutigen Bilder geschaffen, um auf Theaterstücke hinzuweisen. Das erste wirbt für Carlo Goldonis „Das Kaffeehaus“, wo viel geplaudert und gekleckert wird. Und die Daumen weisen auf Peter Handkes Stück „Das Mündel will Vormund sein“ hin, ein Rollentausch, ein Machtspiel.

Im Museum Folkwang in Essen sind die eindrucksvollen Fotomontagen von Frieder Grindler nur ein Teil einer Ausstellung, die Theaterplakate zum Thema hat und außerdem das Werk von Volker Pfüller vorstellt. Die Schau des Deutschen Plakatmuseums dokumentiert zwei Schulen der Posterkunst. Volker Pfüller zeichnet und schafft handschriftliche Typografien. Der gebürtige Leipziger, der über 40 Jahren in Ost- und West seine Theaterplakate publizierte, hat eine Grundidee. Er setzt sich in seiner skizzenhaften Bildwelt mit dem Charakter der Hauptfiguren des Stücks und den Hauptdarstellern der Theaterhäuser auseinander. „Dantons Tod“ (1982) am Deutschen Theater Berlin sollte sein Durchbruch werden. In der Inszenierung von Alexander Lang richtete Pfüller auch das Bühnenbild ein.

Ein Charakteristikum seiner Arbeit ist die Typografie, die er selbst zeichnet und somit zum Teil des Bildes macht. Auch in „Dantons Tod“ wurden die Buchstaben sehr bauchig. Pfüller variierte eine Standardschrift. Seit 1985 arbeitete er auch für westdeutsche Bühnen.

Dagegen zeigen die Plakate von Frieder Grindler, 1941 in Berlin geboren, Fotomontagen. Am Anfang seines Schaffens stand das Tübinger Zimmertheater, für das er in den 60/70er Jahren zahlreiche Bilder erfand. „Das Kaffeehaus“ (1970) zählt zu dieser Phase und ist dabei strenggenommen eine Realmontage. Denn die Kaffeetülle schaut wirklich aus einem Mund und wurde dann fotografiert. Grindler nutzt die Montagetechnik fürs Plakat, die einst John Heartfield (1891-1968) für die Kunst salonfähig machte. Dabei findet Grindler die Motive in der Gegenwart. Die Montage von Fotografien wird am Ende fürs Plakat nochmal fotografiert. Zum Beispiel lichtete Grindler den Tänzer Ismael Ivo für die Choreografie „Othello“ 1996 in Stuttgart ab. Er machte mehrere Fotos mit veränderten Handhaltungen, färbte die Bilder einzeln verschiedenfarbig ein und legte sie übereinander. Die Augen Ivos bilden den ruhenden Mittelpunkt eines ansonsten „bewegten“ Bildes. Die Schrift bleibt immer im Hintergrund. Grindlers Plakate sind eine eigene Aussage zum Stück. Seine Fotoästhetik entwickelt sich aus der klassischen Fotoarbeit zu einer flächigen, von farbigen Wirkungen bestimmten Aussage, die deutlich vor der Digitalen Visualisierung gewisse Wirkmechanismen vorwegnahm.

Volker Pfüller dagegen variierte eine Idee. Seine Arbeit basiert auf den Starplakaten, wie sie um 1910 von Josef Steiner (1875-1935) entworfen wurden. Die grelle Farbigkeit geht auf die Tradition des Lithodruckes zurück und ist keine Reminiszenz an den Comic. Pfüller ließ seine Plakate in der gleichen Berliner Litho-Anstalt drucken wie einst Käthe Kollwitz.

Bis 26. Juni; di-so 10 bis 18 Uhr; fr bis 22.30 Uhr; zwei Katalog zu je 16 Euro; Tel. 0201/8845 444

Quelle: wa.de

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