Theater Hagen und Ruhr2010 zeigen das Projekt „Zäune“

+
Gespannte Erwartung: Neugierig und gleichzeitig ängstlich harrt die Gruppe der Gläubigen dem Urteil Gottes. Szene aus dem Jugend-Theater „Zäune“ in Hagen. ▪

Von Tobias Schröter ▪ HAGEN–Eine in dunkles Licht getauchte Fabrikhalle in Hagen, dichter Effektnebel breitet sich mystisch über die Bühne aus. 63 schwarz gekleidete Darsteller betreten zu einem stimmungsvollen Mix aus sanfter Flötenmusik, hämmerndem Schlagzeug-Sound und Stimmen-Wirrwarr die Szenerie, um anschließend zu dröhnenden Hip-Hop-Beats mit einer Massenchoreographie ein Theaterstück zu eröffnen. Das Besondere daran: Diese 63 Darsteller sind nicht nur allesamt Jugendliche, sie haben zudem ganz unterschiedliche religiöse Hintergründe.

Das Jugend-Theaterprojekt „Zäune“ versammelt muslimische, christliche und jüdische Jugendliche aus Hagen sowie dessen Partnerstädten Berlin-Zehlendorf und Modi‘in (Israel), die sich in einer gemeinsamen Aufführung mit dem brandaktuellen Thema Religionskonflikte auseinander setzen. Die Veranstaltung gehört zum Kulturhauptstadtjahr Ruhr2010.

Beeindruckend an „Zäune“ ist also vor allem die Entstehungsgeschichte: Bereits vor drei Jahren liefen die Planungen für das Projekt an. Anfänglichem Elan stellten sich jedoch schnell bürokratische und logistische Probleme in den Weg, mehrmals drohte „Zäune“ an diesen Hürden zu scheitern. Zudem stellte die Situation, aus den Vorüberlegungen dreier verschiedener Gruppen in 14 Tagen Vorbereitungszeit ein gemeinsames Stück zu zimmern, das Team um Regisseur Werner Hahn und Choreographin Diana Ivancic vor eine große Herausforderung. „Wir wollen eigentlich an den Szenen proben. Stattdessen reden wir. Wir diskutieren. Es wird oft sehr laut“, berichtet Hahn im Begleitheft von den Proben. Und im Internet-Blog des Projekts ist davon zu lesen, wie sich die große Gruppe Jugendliche an einem Probentag gewaltig zerkracht, weil es für die jungen Darsteller schwierig sei, „Kunstform und Wirklichkeit auseinander zu dividieren.“

Eine offenbar heilsame Erfahrung, denn bei der Premiere am vergangenen Sonntag ziehen die Nachwuchs-Akteure alle an einem Strang. In sieben „Bildern“ untersuchen sie Gemeinsamkeiten und Trennbereiche der drei monotheistischen Weltreligionen im Lauf ihrer Geschichte: Von der Schöpfung über die Sintflut und dem babylonischen Turm hin zur zerstrittenen Gegenwart. Das wirkt manchmal etwas hektisch und konfus, weil die Übergänge sprunghaft sind und musikalisch-tänzerische Einlagen gegenüber erklärenden Worten überwiegen.

Doch nach und nach gewinnt das Stück immer mehr an Schärfe und überzeugt durch eine vielfältige Collage aus Ton und Bild: Eingespielte Zitate bekannter Stellen aus Bibel, Koran und Talmud sowie einer Rede von Ex-Bundespräsident Richard von Weizsäcker wechseln sich ab mit Live-Gesang, geflüsterten Gebeten und Rap-Passagen – zusätzlich zum Bühnenbild untermalen Videos auf zwei Großleinwänden im Hintergrund die Geschehnisse. Sprachlich sorgen zudem hebräische und arabische Texte für Authentizität. Eindrucksvoll ist auch, wie mit Fabienne Hahn die jüngste Darstellerin mit routinierten Monologen durch das Stück führt.

Im letzten Bild von „Zäune“ finden sich die drei Religionsgruppen innerhalb ihrer jeweiligen Barrikaden wieder. Die Zäune werden hier als trennendes, aber im Unterschied zu Mauern durchlässiges Bauwerk präsentiert; durchlässig für Austausch, für Kommunikation. Und als Grenze, die man überwinden kann: Zu dem Weizsäcker-Zitat „Es hilft unendlich viel zum Frieden, nicht auf den anderen zu warten, sondern auf ihn zuzugehen“ nehmen die Jugendlichen die Bauzäune auseinander, nähern sich wieder an – und reichen die Zäune an die Zuschauer weiter, damit auch sie ihre gedanklichen Zäune überwinden: „Wann gehst du?“.

Das Stück

Engagiertes Jugend-Theater mit vielen Massenchoreographien und buntem Klang-Mix.

Zäune in Hagen. Am 27. und 28. Oktober jeweils 19.30 Uhr, zudem vom 26. bis 29. Oktober auch um 12 Uhr mittags. Kartenbestellung für Gruppen/Schulklassen: 02331/2073223,

für Einzelkarten: 02331/ 2073218 oder http://www.theater-hagen.de.

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare