Theatercollage „14/18 – Welt in Brand“ auf Zeche Zollverein

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Wechselspiel aus Film und Bühne: Szene aus „14/18 – Welt in Brand“ auf Zeche Zollverein.

Von Carmen Möller-Sendler ESSEN -  Im Wiener Kaffeehaus stecken Herren mit Zylindern die Köpfe zusammen. „Der Kanzler hat eben entschieden“, berichtet der deutsche Gesandte. „Es besteht drohende Kriegsgefahr: Bereiten Sie alles für den Beginn der Feindseligkeiten vor!“ Sein österreichischer Kollege reibt sich die Hände: „Na also! Jetzt kommt die Sache doch in Schwung!“

Wie setzt man einen Kriegsausbruch in Szene? Die Studierenden der Essener Folkwang-Universität der Künste haben sich „14/18 – Die Welt in Brand“ für eine Theater-Collage entschieden: Künstler-Stimmen der Kriegsgeneration – Stücke, Gedichte, Prosa. Von Otto Dix über Max Beckmann und Oskar Kokoschka, von Erich Maria Remarque, Michail Bulgakov und Ford Madox Ford. Die Texte stellte Gerold Theobalt zusammen, Regie führt Johannes Klaus. Veranstalter sind Stiftung Zollverein sowie Ruhr Museum und LVR-Industriemuseum.

Das Stück beginnt auf dem Gelände der Zeche Zollverein. Hoch auf einer rostigen Galerie rezitiert man vom Krieg, während sich unten ein Ballettpärchen plätschernd durch den Wassergraben jagt. Doch dann heißt es „Mitkommen, ihr Saukerle!“, und der Kommandant treibt die leicht verunsicherte, doch amüsierte Besucherschar mit Flüchen und Beschimpfungen vor sich her zur Kokerei: Man bekommt eine Ahnung, wie das gewesen sein muss damals in der Kaserne. Leichtfüßig mischen sich die Schauspieler unters Zuschauervolk. Kurzer Stopp vor der Halle, wo drei Kadetten erzählen, wie sie sich an ihrem Hauptmann gerächt haben. Drinnen ein ebenerdiger Zuschauerraum mit leicht erhöhter Bühne. Der Dortmunder Filmemacher Adolf Winkelmann bespielt mit seinen Kamerateams zwei Videobildschirme. Unbeteiligt filmen sie das Geschehen, produzieren Schwarzweißbilder auf die Leinwände, so als drehten sie einen altertümlichen Film.

Merkwürdigerweise funktioniert das: Die Kamera fügt dem Geschehen eine Dimension hinzu, sie fokussiert die Erwartungen und Enttäuschungen der Menschen durch die ruhigen Bilder dieser jungen Gesichter ins Zweidimensionale und rückt sie vor dem Dunkel der Bühne viel intensiver in den Mittelpunkt, als das eine realitätsnahe Szene in Farbe vermöchte.

Da ist die jugendliche, seit Wochen gelangweilte U-Boot-Besatzung, die aufgeregt den Schatten von Kriegsschiffen am Skagerrak hinterherballert und fassungslos ist, als ihren Kameraden das Echo trifft. Kurze Zeit später sind sie alle tot, und Winkelmanns Filmleute stürzen sich auf sie, konzentriert über die stillen Körper gebeugt. Großartig, die Kameras, die in Großaufnahme sanft über geschlossene Wimpern streicheln, über bleiche Wangen. Sich in die Tiefen knittriger Hemdfalten senken und unendlich lange verweilen, immer wieder ergänzt und überlagert von Einspielungen flutenden Wassers.

Da sind die drei Strickerinnen, die den Krieg kommentierend auf dem Sofa verbringen, schluchzend den verzweifelten Brief des Liebsten vorlesen („Meinen Leib, den halt’ ich hin Bomben und Granaten. Erst wenn ich durchlöchert bin, kann der Krieg geraten.“), vom Einsatz ihres Jüngsten an der Front schwärmen und bissige Lieder gegen England singen.

Weitere Spielorte sind ein Wiener Kaffeehaus, ein Platz in Moskau, das Haus von Doktor Schiwago, ein deutsches Lazarett. Zwischendurch flimmern kratzige Original-Filmbilder von einbeinigen, hüpfenden Männern beim Hindernislauf, von Männern, die mit Beinprothese marschieren üben, und solchen mit Arm-Ersatz, die im Takt Sensen schwingen.

Die ganz unterschiedlichen Stücke sind klug gewählt und summieren sich zu einem stimmigen Kanon. Manches ist recht lang, Weniges wäre nicht nötig gewesen. Doch schon wegen der Bilder sollte man sich dieses Stück ansehen, wegen des Gesanges – und wegen des letzten Bildes, bei dem eine alte Frau mit einem roten Wagen voller weißer Blumen übers Bühnen-Schlachtfeld humpelt und zu Büchners Woyzeck-Mär vom verlassenen Kind und der Sonnenblume die Toten wieder ins Leben weckt.

14.–17.7., Zeche Zollverein Essen, Areal C (Kokerei), Tel.: 0201/ 8122 200, www.zollverein.de

Quelle: wa.de

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