Theater mit Palästinensern in Bochum

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Vergeblicher Ausreiseversuch: Szene aus „Irgendwo müsste es schön sein“ am Schauspielhaus Bochum. ▪

Von Achim Lettmann ▪ BOCHUM–Der junge Mann wird das Stück Land, das den Palästinensern zugewiesen wurde, nicht verlassen können. Er geht immer wieder auf die Grenzanlage zu, aber ein rotes Licht flackert auf, ein Alarmsignal startet, und er muss zurück.

Der junge Mann bewegt sich in stakkatoartigen Bewegungen auf den Fluchtpunkt zu. Versuch und Scheitern sind aber so untrennbar verbunden, dass am Schauspiel Bochum ein tragischer Symboltanz zu sehen ist. Der Schauspieler wirkt wie ein Menschenautomat. Flankiert wird er von Männern, die ihm mit Bewegungen die Richtung weisen. Wenn er zurückkommt, entblößen sie seinen Körper mehr und mehr. Am Ende muss er sich gedemütigt vor der Grenze verneigen. Sie beherrscht ihn.

Die Grenze beherrscht alle, sie nimmt das Leben, die Fantasie, Hoffnung und Kraft, will der Dichter Ghassan Zaqtan sagen, der für das Theaterprojekt „Irgendwo müsste es schön sein“ einzelne Bilder geschrieben hat: Das Flüchtlingslager, die Bushaltestelle, Ausreiseversuch und das Verbindungsbüro. Gespielt wird in Palästina 1949, wo die Tragödie zwischen Palästinenser und Juden begann. Junge Darsteller der Drama Academy Ramallah haben mit Studenten der Folkwang Universität Essen ein Projekt erarbeitet, das in einem weiteren Zugriff nach dem Lebensglück fragt. Wie unterschiedlich diese Visionen ausfallen, zeigen die Dramatiker Moritz Rinke und Mario Salazar in ihren Bildern. Susanne (Marissa Möller) erwartet von Patrick (Linus Ebner), dass er zu ihr kommt, weil er sie liebt. Aber den Jugendfreund zieht nur ein diffuses Heimatgefühl an und sein Vater, dem er mit Pillen ins Jenseits verhilft. Das wirkt in der Inszenierung von Johannes Klaus, Professor für praktische Theaterarbeit, und Gastdozentin Katrin Lindner ganz unprätentiös und selbstverständlich. Dass Mann und Frau nicht mehr zu einanderfinden, entbehrt sogar auf den Theaterbrettern jeder dramatischen Kraft. Ein trister Zustand, bei dem Zweisamkeit nur noch ein vages Gedankenspiel ist. Ein Generationswechsel wird vollzogen, wenn der Ausflug ins Grüne gezeigt wird. Die Herrschaften klagen über ihr verpasstes Leben, bewegen sich mit Rollator und Krückstock. Die Selbstreflexion leidet unter typisierten Omas und Opas, die komisch sein sollen, aber zu kauzig geraten sind.

Der Theaterabend muss fragmentarisch bleiben, weil Rinke und Salazar noch eine Reisegruppe nach Jerusalem schicken. Es sind junge Menschen, die sich selbst erproben. Mit Sex prahlen oder Gefühle verheimlichen („Ist Daniel verliebt?“). Ihre Freiheit ist die Ich-Erkundung. Dagegen sind die politischen Szenen des Projekts „Irgendwo müsste es schön sein“ bedrückend. Videobilder von arabischen Darstellern zeigen zeitgleich ihre Stigmatisierung. An der Grenze werden Frauen kriminalisiert, die einen Passierschein wollen, junge Männer gedemütigt, die Arbeit brauchen. Das wird intensiv gespielt.

Schauspielschüler in Ramallah sind mit dem Fördergeld (300 000 Euro) der Stiftung Mercator (Duisburg) ausgebildet worden. Sie werden demnächst im Alkasaba-Theater im Westjordanland auftreten und vor allem theaterpädagogische Arbeit leisten.

Arabisch war in Bochum als Theatersprache zu hören. Die Dialoge wurden gedolmetscht. Aber das Gefühl, das Jasmin Shalada spürbar machte, griff ans Herz. Sie spielte Fatima, die nie mehr zu ihrem Mann kam und nur seine Asche in einer Flasche zu sich nehmen durfte. Ihr Zwiegespräch mit dem Toten (Husam Alazza) war das stärkste Bild der Uraufführung und eine Botschaft: Zuversicht.

Samstag, 23. Juni, Folkwang Universität Essen im Pina Bausch Theater, 19.30 Uhr; http://www.folkwang-uni.de

Quelle: wa.de

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