„The Rake’s Progress“ von Strawinsky in Münster

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Tom Rakewell (Youn-Seong Shim) lässt sich gern verführen. Szene aus der Münsteraner Strawinsky-Inszenierung.

Von Elisabeth Elling Münster - War alles nicht böse gemeint: Reichtum wünschte sich Tom Rakewell, später absolute Selbstbestimmtheit und schließlich, dass ihm eine menschheitsbeglückende Heldentat gelingen möge. Was ihn in Igor Strawinskys Oper „The Rake’s Progress“ zum „Wüstling“ (Rake) macht: Er geht einen Pakt mit dem Teufel ein und hinterlässt Enttäuschung, Verletzungen, Ruin.

An den Städtischen Bühnen Münster inszeniert Intendant Ulrich Peters dieses Faust-Märchen. Und fasst es leider mit sehr spitzen Fingern an.

Als große Parodie stellt der große Bilderrahmen um die Bühne (Christian Floeren) den Dreiakter aus – ein Karikaturenzyklus aus dem 18. Jahrhundert hatte den Komponisten zu dem 1951 uraufgeführten Werk inspiriert. Doch daraus wird in Münster nichts. Mehr als ein – durchaus amüsantes – Ausstaffieren und Nacherzählen hat die Produktion über zweieinhalb Stunden nicht zu bieten.

Die Kostüme (Kristopher Kempf) verdeutlichen die Figurenprofile: die treusorgende Anne in Rot, den schwärmerischen Tom in Blau, den teuflischen Nick Shadow und seine Assisstentinnen in Gothic-Kluft. Die groteske Figur der bärtigen Türkenbab (Conchita Wurst lässt grüßen), Toms Ehefrau, wird von Peters zur publicitygeilen B-Promi-Tussi begradigt.

Auch die Anspielungen auf klassische Opern-Situationen – wie die Standpauke von Annes Vater, die Abschiedsszene Annes und Toms im ersten Akt oder die Abrechnung mit dem Teufel im dritten Akt – werden nicht als ironische Vorlagen aufgenommen, sondern brav abgespielt. Auch das könnte eine Haltung sein (die vom plakativen und plumpen Moral-Epilog hopsgenommen würde), ist aber ebenfalls nicht gewollt.

Für deutlich mehr Belebung sorgt Fabrizio Ventura mit dem Sinfonieorchester Münster. Strawinsky schrieb eine Hommage an Mozart, verbeugte sich vor barocken Opernkomponisten wie Monteverdi, Händel und Purcell: Formale Anleihen macht er mit Ensembles, Arien und Rezitativen (Cembalo-Begleitung: Elda Laro). Harmonisch changiert die Musik zwischen Zitaten, Nachempfindungen und delikaten Verschiebungen. Zum Beispiel jene dissonanten Reibungen in Annes Arie im zweiten Akt, die ihre Sehnsuchts-Seufzer noch steigern. Ventura ermöglicht dieses Innehalten, weil er „The Rake’s Progress“ nicht auf ein neoklassisches Pasticcio beschränkt.

Chor (Einstudierung: Inna Batyuk) und Ensemble glänzen. Henrike Jacob singt die Anne milchig rein und ausdrucksstark auch in den Mezzo-Lagen. Der lyrische Tenor von Youn-Seong Shim macht aus Tom einen naiven, etwas großspurigen Toren; bei dessen traurigem Ende kann er noch alle Kraft in die letzten traumverlorenen Koloraturen legen. Lisa Wedekind als Türkenbab ist ein Ereignis: auf riesenhaften Stelzenschuhen und mit stolzem Mezzo. Gregor Dalal gibt einen eher ruppigen als schmeichlerischen Nick Shadow.

15., 23., Mai; 6., 10., 21., 25. Juni; 4. Juli; Tel. 0251/5909100 www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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