She She Pop mit „Testament“ beim Festival „Impulse“ in Bochum

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Generationswechsel: Szene aus „Testament“ mit She She Pop. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ BOCHUM–Der alte Vater steht in Unterwäsche neben seiner Tochter, entblößt und gedemütigt. Sie trägt die zu weite Jacke, die zu großen Stiefel, und selbst sein Gesicht hat sie sich in Form einer Maske angeeignet.

Was Generationswechsel bedeutet, hier wird es in einem einfachen Bild greifbar. Shakespeares „König Lear“ ist die Grundlage für das Stück „Testament“ der Berliner Gruppe She She Pop. Mit einem genialen Kunstgriff hat sie die Tragödie auf ihre Verbindlichkeit für die Gegenwart abgehorcht: Zwei Schauspielerinnen und ein Schauspieler treten mit ihren Vätern auf. Die Produktion hat bereits Preise gewonnen, wurde zum Berliner Theatertreffen eingeladen und war nun im Wettbewerb des Festivals „Impulse“ im Schauspielhaus Bochum zu sehen.

Das Festival, zum letzten Mal verantwortet von Matthias von Hartz und Tom Sternberg, stellt die besten Arbeiten der freien Theaterszene zur Diskussion. Aufführungen gibt es in Bochum, Mülheim, Düsseldorf und Köln. Hier sieht der Zuschauer, was demnächst vielleicht Standard wird an den Stadttheatern. Das furiose deutsch-ivorische Tanztheater von Gintersdorfer/Klaßen zum Beispiel hatte hier 2009 große Auftritte, ehe es auf dem Spielplan des Schauspielhauses Bochum landete.

She She Pops aktuelle Arbeit „Testament“ verbindet Leben und Bühne, Privates und Poesie. Sie lesen zwar auch Schlüsselpassagen aus Shakespeares Text. Vor allem aber greifen sie auf die eigene Vater-Kind-Beziehung zurück und machen ihre Arbeit am Stück zum Thema. Bevor die alten Herren entkleidet werden, hat einer seinem Ärger darüber Luft gemacht, dass die Gruppe immer wieder mit Entblößung spielt: Exhibitionistisch sei das, schimpft er. Und wenn die „bösen“ Töchter Goneril und Regan dem Vater die 100 Ritter seines Hofstaates ausreden, dann übersetzen die Darsteller das: Was sind die 100 Ritter heute? Vielleicht die Büchersammlung, die im Elternhaus Platz hat, in einer Berliner Mietwohnung aber das Wohnen unmöglich machen würde. Das kann unbarmherzig werden, wenn über richtiges Erben gesprochen wird und die Tochter den Wert der „Opa“-Stunden berechnet, die ihr Vater den Kindern ihres Bruders widmet und für die sie sechsstelligen Ausgleich fordert: „Über Ratenzahlung können wir dann noch sprechen.“

Es besticht, wie offen über Pflege, Erben, Sterben gesprochen wird, ohne dass den Vätern die Würde genommen wird. Manchmal balancieren sie auf schmalem Grat zum Kitsch, zum Beispiel wenn Vater und Kind Whitney Houstons Schnulze „I‘ll Always Love You“ anstimmen. Aber die Konflikte werden hier nicht mit Gefühlen verkleistert, sondern einfühlsam freigelegt.

Im prinz regent theater gastierten die Rabtaldirndln mit dem Stück „aufplatzen“. Die fünf Darstellerinnen aus der Steiermark präsentieren sich volkstümlich mit Schlagern von Rex Gildo. Sie fordern Zuschauer auf: „Hau mi aufn Oasch!“ Und quittieren jeden Schlag mit einem „Hossa!“ Ihr heimatkundlicher Diaabend steckt voller Anspielungen von Sex und Gewalt. Sie schenken Schnaps aus und reichen Würstl mit Kren dazu, sie fordern Herren zum Tanz auf und laden ein in ihre schöne Heimat. Doch dem Zuschauer wird bei aller aufgesetzten Gemütlichkeit unheimlich zumute. Was es mit dem Ausguck auf sich hat, der auf die verunglückte Limousine führt, mit dem Schießstand, an dem sie täglich üben, mit dem Nachbarn, der sich aufhängte und in dessen Haus sie Ferienwohnungen einrichten, das alles bleibt als offene Drohung über dem Publikum.

Eher ratlos machte das Gastspiel der kanadischen Performerin „Peaches“ im Schauspielhaus: Dröhnende Techno-Beats animierten das Publikum zum Tanzen. Die szenische Leistung blieb – sieht man ab von der Sektdusche für die ersten Reihen – dürftig.

Das Festival wird heute mit „Ars moriendi“ von CapriConnection im Schauspielhaus (19.30 Uhr) und „Cry Me A River“ mit Anna Mendelssohn im prinz regent theater (20 Uhr) fortgesetzt. Die Rabtaldirndln sind noch in Düsseldorf (heute, morgen), Köln (7.7.) und Mülheim (8.7.) zu erleben.

In Bochum gibt es „Tagfish“ zu sehen, eine Videoperformance der Gruppe Berlin, die beim Festival Theater der Welt uraufgeführt wurde (7.7., prinz regent theater).

Tel. 0221/99 22 55 111 oder

0234/ 77 11 17,

http://www.festivalimpulse.de

Quelle: wa.de

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