Tennessee Williams’ „Licht unter Tage“ in Münster

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Bergmannstaufe mit Hautschutz: Szene aus „Licht unter Tage“ in Münster mit Mark Oliver Bögel, Daniel Rothaug und Maximilian Scheidt (von links).

Von Ralf Stiftel MÜNSTER - Die Welt in den Red Hills kennt nur Dunkelheit und Grau. Und so spielen die Figuren aus Tennessee Williams’ Stück „Licht unter Tage“ am Theater Münster auf einem Teppich aus Torf, der über dem gläsernen, von unten beleuchteten Bühnenquadrat liegt. Nur wo sie Flecken freischieben, kommt etwas Helligkeit aus dem Boden. David Hohmanns Bühnenbild zeigt bereits die verkehrten Verhältnisse in diesem Bergarbeiterdrama.

Es ist eine späte Entdeckung für Europa. „Candles To The Sun“ fand sich nach seinem Tod 1983 im Nachlass des US-Autors. In den USA wurde es 1937 uraufgeführt, den Stoff hatte ein Kollege Williams zur Verfügung gestellt. Das Stück zeigt Verhältnisse des ungefesselten Frühkapipitalismus. Bergwerkschef Abbey, der nicht auftritt, beutet sein Personal aus, indem er die Löhne drückt, an der Sicherheit spart, im fabrikeigenen Laden die Preise hochtreibt und im Konfliktfall Schlägertrupps anheuert.

Regisseur Frank Behnke findet in der deutschsprachigen Erstaufführung eine Balance zwischen Naturalismus und geradezu poetischen Bildern. Die Bühne steht im Kleinen Haus mitten in den Zuschauerblöcken. Der schwarze Torf steht für die Kohle, die in der Bergarbeiterstadt allgegenwärtig das Leben regiert. Es gibt keine Umbaupausen – die Darsteller markieren mit Lichtinseln ihre Spielräume.

Geschildert wird der Niedergang einer Bergarbeiterfamilie in Alabama: Der Patriarch Bram Pilcher schuftet unter Tage, und er erwartet von seinen Söhnen nichts anderes. Sein älterer Sohn wollte diesem Leben entfliehen, landete letztlich aber in einem Bergwerk im Norden, wo er verunglückt. Nun stehen seine Witwe und deren Sohn Luke vor der Tür. Wie Brams Frau Hester hofft auch Fern für Luke auf ein anderes, besseres Leben. Aber am Ende fahren alle ein. Auf der fünften Sohle taugen die Stempel nichts – und wieder stirbt jemand. Diesmal gelingt es dem Arbeiterführer Birmingham Red, einen Streik zu organisieren.

Behnke setzt auf die klare Symbolik solcher Bilder: Wenn Birmingham Red seine Liebe zu Brams Tochter Star zurückstellt, weil er erst für die Arbeiter kämpfen will, dann liegt er auf dem Glasboden, am Boden, aber im Licht. Wenn Luke das Lernen aufgibt, um einzufahren, dann setzt er sich mit Bram und dessen Sohn Joel um die Dose und cremt sich wie sie ein. Ein wortkarges Ritual des Fatalismus. Mit Statisten choreografiert Behnke wuchtige Tableaus zum Beispiel in der Begräbnisszene.

So gelingt es ihm, die gelegentlich arge Schwarz-Weiß-Zeichnung bei Williams mit Grautönen anzureichern, das Pathos auszunüchtern. Florian Steffens muss als Red nicht der makellose Gutmensch sein, sondern darf einige Brechungen darstellen. Maike Jüttendonk verleiht der rebellischen Tochter Star eine erfrischend heutige Präsenz. Mark Oliver Bögel zeigt in Bram die Spannung des knorrig-bornierten Malochers, der im Job alles schluckt, daheim aber Frau und Kinder kommandiert. Sehr präsent verkörpern auch Regine Andratschke als Hester und Carola von Seckendorff als Fern zwei Generationen von Frauen, die gegen den männliche Fatalismus rebellieren, indem sie für ihre Söhne eine andere Zukunft planen. Und Maximilian Scheidt spielt als Luke schön die Abhärtung des naiven Bücherwurms durch die Umstände.

20., 22.1., 4., 12., 14., 20.2., 6., 26., 29.3.; Tel. 0251/ 5909 100,

www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

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