Tennessee Williams „Glasmenagerie“ am Theater an der Ruhr

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Familie ohne Halt: Die Mutter (Simone Thoma) wird von Laura (Gabriella Weber) geklammert und von Tom (Albrecht Hirche) gemieden. Szene aus „Die Glasmenagerie“ in Mülheim.

MÜLHEIM - Sie geht einem auf die Nerven. Mutter Wingfield erklärt, warum Kinder kauen müssen, was der Unterschied zu den Tieren ist und wie Speichel arbeitet. Steif steht sie da, allein, ein bisschen verhärmt, und sie klammert sich an die Belehrung, die niemand mehr hören will. Amanda Wingfield hat sich isoliert, ist ein frühes Bild in der Inszenierung von Tennessee Williams „Glasmenagerie“. Am Theater an der Ruhr in Mülheim wickelt ihr Sohn Tom einen Schal um ihren Kopf und schimpft. So flapsig und respektlos kommentiert er das antiquierte Verhalte, aber ganz los wird er sie nie.

„Die Glasmenagerie“, 1944 uraufgeführt, handelt von den Folgen der großen Wirtschaftsdepression in den USA und zeigt Toms Erinnerungen. Er hatte Mutter und Schwester verlassen, obwohl sein Geld den Unterhalt sicherte. Doch die Familie lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Wie sein Vater, hat er Amanda Wingfield enttäuscht, die sogar einmal nach ihm greift, ihn umarmt und einen Kuss tauscht, so verstörend sind Toms Gedanken. Regisseurin Simone Thoma entwirft dazu irritierende Schlaglichter, Spiel-im-Spiel-Szenarien, reflektierende Momente und tragische Zustände. Der US-Dramatiker Tennessee Williams erweitert mit seinem Stück die Erinnerung zum subjektiven Universum, das jeder mit sich führt: Was ist passiert, was hab ich getan? Nur eine lose Erzählführung steckt das Drama ab, das mehr den inneren Monolog auslösen will – auch beim Zuschauer.

In Mülheim sind die Wingfields völlig unbehaust. Bauzäune markieren einen Bahnhofsbereich, hier ein Automat, dort ein Fernsprechgerät. Der kalte Ort ist Wartesaal und Fluchtgrund zugleich (Bühne: Adriana Kocijan). Wenn Mutter Amanda ihre Zeitschriften-Abos am Telefon bewirbt, steht sie auf verlorenem Posten. Dick trägt sie Schminke auf und maskiert sich auf diese Weise. Simone Thoma – mit doppelter Aufgabe – spielt die Gescheiterte als gebrochene Diva, die einst zahllose Verehrer hatte. Dass sie sich für einen Telefonisten entschieden hatte, bereut sie niedergeschlagen. Irgendwann entschwand er nach Mexiko und sandte nur eine Postkarte. Diese Lebenstragik wird von Sohn Tom immer wieder spöttisch in Stellung gebracht. Mit schlohweißen Haaren, langen Mantel und Hut gibt ihn Albrecht Hirche selbstverliebt, mal zerknirscht und auch überheblich. Der Griff zur Gitarre ist sein Selbstschutz, der Stillstand im Leben wird melancholisch begleitet.

Hirche wird aber erst dann gut, wenn er die eigenen Defizite als Verirrungen vorträgt und das Kino als Traumwelt entlarvt. So schiebt er bäuchlings über die Bühne, spricht Filmrollen nach und reibt sich mit Wut am jahrelangen Selbstbetrug. Tom saugt Illusionen ein, als Bordellbetreiber, Casinogänger und „König der Unterwelt“. Es sind seine Drogen. Tagsüber muss er wieder in die Schuhfabrik. Hinter einer Plastikplane flackert die Filmprojektion auf der Bühne als magisches Spuklicht. Irgendwann legt Tom seinen Kopf auf die Schenkel der Mutter und entschuldigt sich – hilflos. Hirche spielt gegen das Sentimentale an, das in der Figur Toms angelegt ist, schließt sie aber nicht auf.

Immerwieder sind Züge zu hören, die vorbeirasen. Lautsprecheransagen signalisieren, dass es noch eine Welt da draußen gibt. Die Geräuschkulisse zehrt an dem Selbstbetrug der Wingfields. Laura hört das nicht. Toms Schwester ist gehbehindert und hockt auf einem rollenden Materialwagen. Gabriella Weber zeigt sie voller Angst und Träume. Die Glasfiguren mit dem Einhorn stellt sie selbstversonnen auf. Ihr gelingen poetische Momente, wenn sie zur Moritatenmelodie aus der Spieluhr auf Krücken läuft und zu schweben scheint.

Ihrer Mutter muss sie gehorchen, und sie lässt sich widerwillig Schuhe anziehen, damit ein Arbeitskollege von Tom an ihr gefallen findet. Als sie Jim O’Connor kennenlernt, wird ein Verständnis entwickelt, das ganz unvorhersehbar aufscheint und zwischen den Lügen der Wingfields gut tut. Klaus Herzog zeigt den Jim anfangs machohaft und durchtrieben. Er schmatzt ein Kaugummi und imitiert den „Jim“, den Laura als ihre illusorische Liebe preisgibt. Als beide in einem rauschhaften Tanz ihre Vorbilder hinter sich lassen, gibt Jim zu, dass es eine „Betty“ gibt. Wieder übertönt ein Zuggedonner die aufrichtigen Gespräche, Amanda trinkt, und Tom geht weg, weil er ihre Vorhaltungen nicht mehr erträgt. Das ist berührend und atmosphärisch so dicht gespielt, dass es den Zauber von Tennessee Williams Erinnerungsarbeit freisetzt. Und Tom erzählt, dass er an die Glasmenagerie der Schwester denkt. Selbst aus der Ferne eint er seine Familie – als die Verlorenen.

3. April; Tel. 0208/599 01 88

Quelle: wa.de

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