Tennessee Williams frühes Stück „Frühlingstürme“ in Münster

+
Lasst uns froh und glücklich sein: Heavenly (Maike Jüttendonk) und Arthur (Florian Steffens) in der Münsteraner Inszenierung von „Frühlingsstürme“. ▪

Von Elisabeth Elling ▪ MÜNSTER–Heavenly hat durchaus eine Wahl. Sie kann Dick nehmen, den Schulabbrecher und sexy Malocher, der „weg“ will. Sie ist nicht abgeneigt: Vielleicht eine Kreuzfahrt in den Flitterwochen? Er meint etwas anderes: mit einem Viehtransporter nach Südamerika und dort „etwas tun, was sich lohnt“. Oder sie nimmt den Antrag von Arthur an, dem Nerd und Millionärssohn, den sie schon in der Schule gehänselt haben und den Heavenly inzwischen „schrecklich ritterlich“ findet. Wie Maike Jüttendonk das sagt, ist es kein Kompliment, sondern ein Zurückweichen.

In Tennessee Williams‘ „Frühlingsstürmen“ geht es um mehr als Heavenly Chritchfields Qual der Wahl. Das Schauspiel, das der US-Dramatiker (1911- 1983) mit 27 Jahren schrieb, verhandelt drei Coming-of-Age-Geschichten. Der Text wurde erst vor knapp zehn Jahren entdeckt. Unter der Regie von Frank Behnke erlebte es am Theater Münster jetzt seine deutschsprachige Erstaufführung.

Die Figuren sind Anfang 20 und suchen ihren eigenen Weg in einer starren, verheuchelten Gesellschaft. Die Bühne (David Hohmann) bildet die Atmosphäre ab: Ein Ventilator verquirlt stickige (Südstaaten-) Luft; Hollywoodschaukeln hängen vom Schnürboden oder sind auf dem Boden arretiert – schwankender Stillstand.

Heavenly hat in Wirklichkeit keine Wahl: Es geht darum, bloß nicht als „alte Jungfrau“ zu enden wie Tante Lila. Dass Heavenly keine Jungfrau mehr ist, verschlägt der Mutter nur kurz den Atem: Das muss Arthur vorher ja nicht erfahren. Den Critchfields ist nur die gutbürgerliche Fassade geblieben: Sie sind pleite – und umso hysterischer verlangt die Mutter, Heavenly möge Arthur nehmen.

Diese Problemlagen stammen aus einer zurückliegenden Zeit, und Behnke tut gut daran, das Stück dort zu lassen: In der Mitte des 20. Jahrhunderts, als alle Männer qualmen, als Frauen mit der Frage nach einer Zigarette provozieren, und als es Taschentuchschachteln gibt, die mit welken Rosenblättern parfümiert werden. Die Figuren und ihre Haltungen hat Williams scharf und eindrücklich profiliert, und die Münsteraner Produktion rückt sie nahe heran.

Maike Jüttendonk gibt Heavenlys Drang nach Freiheit keine klare Richtung – und das macht sie umso interessanter. Heavenly will das Leben aller anderen führen – lehnt sich gleichzeitig gegen die skrupellose Heuchelei der Mutter auf. Florian Steffens spreizt sich als Arthur Shannon im Klischee des Muttersöhnchens (mit Nivea-Creme und Labello), und lässt hinter allen Marotten das trotzige Verlangen nach Glück blitzen. Ein Happy End für die beiden biegt Williams mit weiteren Wendungen ab. Heavenly wird am Ende auf der Veranda sitzen und warten, ob einer der beiden Männer zu ihr zurückkommt.

Beim weiteren Personal gibt es Ähnlichkeiten mit späteren, berühmten Williams-Stücken, vor allem mit „Endstation Sehnsucht“: Dick ist ein Feinripp-Macho wie Stanley Kowalski, doch noch nicht so ausgefeilt, und deshalb stellt Behnke Maximilian Scheidt immer wieder zum Textaufsagen an die Rampe. Lila ähnelt der labilen Blanche, obwohl Regine Andratschke sie robuster und sogar selbstironisch zeigt.

Heavenlys schreckliche Mutter Esmeralda (Carola von Seckendorff) intrigiert und manipuliert wie Mae in „Die Katze auf dem heißen Blechdach“: In wenigen Sätzen dreht sie sich die Welt zurecht, um in jedem neuen Licht als aufopferungsvolle Mutter und Gattin zu erscheinen. Mit Mrs. Critchfield zerlegt Tennessee Williams das Familien-Leitbild seiner Zeitgenossen und folgender Generationen – den üblichen Rassismus inklusive: Als Heavenly der Mutter droht, mit Dick durchzubrennen, setzt sie noch eins drauf: „Wir heiraten. Bei einem farbigen Priester!“

Das Stück

Ein Fund aus der Literaturgeschichte, erstmals in deutscher Sprache: Frühlingsstürme von Tennessee Williams am Theater Münster.

27. Februar, 2., 23. und 27. März; Tel. 0251/5909100; http://www.theater-muenster.com

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare