Taufen in der Gebläsehalle: Romeo Castelluccis „Folk“

+
Ausgebreitete Arme im Becken: Szene aus Romeo Castelluccis „Folk“ bei der Ruhrtriennale. ▪

Von Ralf Stiftel ▪ DUISBURG–Nebel wabert in der Halle und Sphärenklänge. Ein Schwimmbecken mit aufblasbaren Wänden füllt den 50 Meter langen Raum fast völlig aus. Im Wasser steht ein grauhaariger Mann in Alltagskleidung.

Eine junge Asiatin steigt an der Kopfseite hinein, schreitet zu ihm, der einladend die Arme ausbreitet. Sie umarmen sich, er greift sie sorgfältig, sie hält sich die Nase zu, taucht völlig unter, wird wieder gehoben. Sie umarmen sich noch einmal. Der Mann schreitet zum Beckenrand. Die Frau wendet sich um, blickt einer etwas fülligen Dame entgegen, die im Kostüm, mit Perlenkette um den Hals, am entgegengesetzten Ende des Beckens einsteigt und das Ritual wiederholen wird.

Der italienische Theatermacher Romeo Castellucci inszeniert in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Nord in Duisburg ein Weihespiel mit der Strenge und Inbrunst eines Gottesdienstes ohne Gott. Kein Wort fällt bei „Folk“. 100 Statisten wiederholen in einer endlos anmutenden Reihe das Taufritual. Kein Wort wird gesprochen. Keine Erklärung wird angeboten. Das Publikum der Ruhrtriennale steht ungezwungen um das große Becken. Darsteller und Zuschauer sind kaum unterscheidbar.

Aber die Macht des Rituals ist spürbar. Jedesmal scheinen sich die beiden Beteiligten zunächst fremd zu sein. Aber die zweite Umarmung, wenn beide durchnässt sind, die ist herzlich und intensiv. Auch wenn es nur gespielt ist, vermittelt sich in manchen Taufbegegnungen eine Gefühlswärme, die einen fürchten lässt, man wohne der Gründung einer neuen Sekte bei. Castellucci möchte mit seiner Performance Mechanismen der Gemeinschaftsbildung deutlich machen. In einem archetypischen Moment der Begegnung zeigt er Gruppenbildung zum „Folk“.

Es bleibt nicht dabei. Die Harmonie wird gestört durch wuchtige Schläge an den großen Fenstern. Es sind Menschen, die nur als schwarze Schatten erkennbar werden. Ausgeschlossene, die aggressiv hineindrängen, es aber nie schaffen und am Ende an den milchigen Scheiben stehen und hilflos zuschauen.

Und auch das Idyll drinnen bleibt nicht ungestört. Einem alten Mann werden Umarmung und Eintauchen verwehrt. Sein Täufer geht an ihm vorüber. Das Becken wird zerschnitten, das Wasser ergießt sich in die Halle, die schlaffen Plastikbahnen des Beckens werden an Ketten hochgezogen, hängen wie Vorhänge in der Halle. Dissonante Orgelakkorde schwellen dazu an.

Es gibt noch ein Nachspiel. Der alte Mann setzt in einem Kinderpuzzle einfache Formen in Öffnungen: das Herz, das Dreieck, den Mond. Nur beim Quadrat am Ende versagt er.

Am Ende bleibt das Spiel in seiner Ambivalenz stecken. Einerseits schafft Castellucci am Anfang Bilder für den einstigen Industrieraum, deren suggestiver Macht man sich kaum entziehen kann. Andererseits gelingt es ihm nicht, eine Spielstruktur zu entwerfen. Was der Regisseur in Interviews an Ideen entfaltet, das lösen die schönen Rätselbilder am Becken nicht ein.

28., 29., 30., 31.8., 1., 2.9., Tel. 0700 / 2002 3456,

http://www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare