Neuer „Tatort“ aus Münster

In „Rhythm and Love“ ermitteln Boerne und Thiel im Hippiecamp

Szene aus Münster-Tatort:  „Rhythm and Love“ mit Jan Josef Liefers und Maëlle Giovanetti
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Professor Boerne (Jan Josef Liefers) hat Sorgen und findet Gefallen an dem Lebenskonzept auf dem Erlenhof sowie an Trommel-Lehrerin Inès Fournier (Maëlle Giovanetti). Szene aus dem Münster-„Tatort“.

Der „Tatort“ aus Münster ist Quotengarant. Am Sonntag läuft die neue Folge „Rhythm and Love“ mit Axel Prahl und Jan Josef Liefers. Passend dazu gibt es eine gute Nachricht: Der WDR teilt mit, dass er sechs weitere Krimis mit dem beliebten Team drehen will.

So schön schwingt der „Tatort“ aus Münster in die Hippie-Ära ein, in die Epoche von freier Liebe und allgemeiner Friedfertigkeit. Ein Paar genießt im Halbdunkel gemeinsam einen postkoitalen Joint, während Kris Kristoffersons melancholisch verschattete Stimme Böses ahnen lässt. Dann steht der Mann auf, durchquert nackt ein Camp mit flackerndem Lagerfeuer, wendet sich einer anderen zu, mit der er aufs nächste Lotterlager sinkt. Und dann der Episodentitel in der liebevoll nachempfundenen Typografie alter San-Francisco-Plakate: „Rhythm & Love“. Natürlich geht das nicht so harmonisch weiter.

Eine nackte Männerleiche im Moor verlangt Kommissar Thiel (Axel Prahl) und dem Pathologen Professor Boerne (Jan Josef Liefers) allen Scharfsinn ab. Obwohl es keine Papiere gibt, findet Boerne schnell heraus, dass der Tote Maik Koslowski heißt, in der nahe gelegenen Kommune „Erlenhof“ Gemüse anbaute und Seminare zu „Sexualität und Tantra“ abhielt. Die Bewohner des Lagers vertreten das Prinzip der Polyamorie, der freien Liebe, bei der Konflikte durch Diskussion gewaltfrei beigelegt werden. Auch Koslowski hatte Beziehungen zu mehreren Partnern, neben der aparten Französin Inès Fournier (Maëlle Giovanetti) auch zu Johannes Hagen (August Wittgenstein). Den Namen kennt Thiel, Hagen ist Pressesprecher der Polizei, verheiratet und Vater zweier Kinder.

Von Liebe und Frieden kann beim ungleichen Ermittlerpaar keine Rede sein. Der Film ist keine drei Minuten alt, da beschimpft Thiel sein Gegenüber schon als „Arschloch“. Im ganzen Film spulen Autorin Elke Schuch und Regisseurin Brigitte Maria Berle ein Kontrastprogramm ab: Hier die idyllische Gegenwelt der Hippiekommune, bei der Boerne schon mal angesäuselt wird: „Fühl dich willkommen, mein Freund.“ Und in der Stadt eine Szenerie der Hierarchien und des sozialen Drucks.

Thiel bekommt mehr als einen Rüffel von Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann). Sein Bauchgefühl führt ihn zu zwei Verdächtigen, die in der biederen Westfalenmetropole einen Skandal auslösen könnten: Hagen, das Gesicht der Polizei. Und Priester Tobias Flügge (Nikolai Kinski), der vom Tatort flieht, der mehr weiß und doch schweigt: Beichtgeheimnis. Da soll der Kommissar mal passendere Täter finden, ordnet Klemm an. Zumal er keine Beweise hat.

Irgendwie laufen alle Mitarbeiter des Kommissars neben der Spur. Boerne droht eine Ermittlung, weil ihm ein Plagiat vorgeworfen wird. Das schadet seiner Konzentration. Er zeigt sich empfänglich für die Reize von Inès, obwohl er in ihrem Trommelseminar den Liebesrhythmus nicht so richtig trifft.

Auch seine Assistentin Silke Haller (ChrisTine Urspruch) drückt das Gewissen. Ihr ist das wichtigste Beweisstück abhanden gekommen, ein Haar, das der Professor an der Leiche gefunden hat und das wohl die DNA des Täters enthält. Und während ihr Chef sie als „Goldstandard der Zuverlässigkeit“ preist, traut sie sich nicht, ihm ihren Fehler zu gestehen.

Sie und Thiels neuer Assistent Mirko Schrader (Björn Meyer) bekommen deutlich mehr Raum als in früheren Münster-„Tatorten“. Schrader hat ebenfalls ein dunkles Geheimnis. Er hat zwar einen schwarzen Gürtel. Trotzdem sieht er dem Karatekampf gegen einen Ziegelsteinzertrümmerer beim Polizeisportfest mit Bangen entgegen. Was er wiederum Thiel nicht offenbaren kann, weil der ihn mit immer neuen Aufträgen abwimmelt. Haller und Schrader sprechen sich Trost zu bei Keksen, Kakao und Rum.

Regisseurin Bertele und Autorin Schuch bleiben den vertrauten Verhaltensmustern des Münsteraner Ensembles treu. Natürlich bringt Vaddern Thiel nicht nur den Kommissar im Taxi zum Camp, er verkauft dort auch noch Hasch „in Bioqualität“. Die Macherinnen gewinnen den Figuren dabei noch neue Facetten ab. Die Dauerkrise, durch die sich alle kämpfen, ihre Zweifel sind ja schöner Komödienstoff. Und es ist ein Vergnügen, zwei Schauspielern wie Liefers und Prahl dabei zuzuschauen, wie sie Arm in Arm Rotweinflaschen leeren, um ihren Frust wegzuspülen.

Wer freilich einen echten, harten Kriminalfall erwartet, ist hier falsch. Der Kreis der Verdächtigen ist überschaubar. Und da nicht in jeder Folge ein Mitglied des Ensembles sterben kann wie in der Folge „Das Team“, wo Thiels Assistentin Nadeshda Krusenstern (Friederike Kempter) ermordet wurde, hält sich die Aufregung auch beim Showdown im Wald in Grenzen.

In Münster darf es bei Ermittlungen menscheln. Die Top-Einschaltquoten gewinnt man nicht mit Härte, sondern mit abstrusen Szenerien wie einem Lager voller Aussteiger (die mit einiger Sympathie gezeichnet sind). Und mit schrägen Dialogen wie dem gemeinsamen Vortrag von Boerne und Inès darüber, wie unnormal Monogamie für den Menschen ist.

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

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