Zeitgemäßer Krimi

Tatort (ARD) heute aus Dortmund: Komplexer Mord und „Nazi über Nacht“

Am Sonntag ist Tatort-Tag. Ab 20.15 Uhr läuft heute die neue ARD-Produktion im TV. Es geht nicht nur um einen komplexen Mord. Eine Dortmunder Kommissarin wird zum „Nazi über Nacht“.

Dortmund - Es hat gebrannt im Gerberzentrum in Dortmund, einem jener Hochbaukomplexe, von denen es im Ruhrgebiet viele gibt und die einmal den Aufbruch in eine bessere, moderne Zeit versprachen. Die „Heile Welt“ - wie der Tatort heute (20.15 Uhr/ARD) heißt - ist längst zerfallen. Im Keller wird die verkohlte Leiche einer jungen Frau gefunden. Anna Slomka erlag aber nicht dem Feuer. Sie wurde erschlagen.

Kriminalfilm-ReiheTatort
Jahreseit 1970
Länge90 Minuten
ProduktionsländerDeutschland, Österreich, Schweiz

Tatort (ARD) heute: Mord und Nazi-Debatte in Dortmund statt „Heile Welt“

In der aktuellen Folge des Tatorts (ARD) ermitteln die Dortmunder Kommissare heute wieder abseits der gesellschaftlichen Komfortzonen. In dem Hochhauskomplex wohnen viele Mieter mit Migrationshintergrund. Hier wird gedealt. Die Schaufenster der Ladenzeile sind verklebt – nicht erst seit Corona laufen die Geschäfte schlecht. Schnell findet sich in Hakim Khaled (Shadi Eck) ein Verdächtiger. Hat das Opfer versteckte Drogen gefunden, die der Sohn eines Imams verkaufen wollte?

Bei der Festnahme packt Kommissarin Bönisch (Anna Schudt) Khaled energisch an, was seine Freunde mit ihren Handys filmen. Die Aufnahmen landen im Internet, und über der Polizistin schlagen in den sozialen Netzwerken Hassbotschaften zusammen. Schließlich wird sie beurlaubt. Falls Khaled aber nicht der Täter war, fehlt das Motiv. Oder weiß der verschrobene Hausmeister Zerrer (Sven Gey) mehr, als er aussagt? Auf seinem Handy finden sich Nachrichten der Ermordeten. Offenbar hatte diese Streit mit dem Mann.

Unterdessen entdeckt Hauptkommissar Faber (Jörg Hartmann) in sich Eifersucht: Eigentlich hofft er, seiner Kollegin näher zu kommen. Er hat seinen alten Volvo gegen einen silbernen Opel Manta eingetauscht, samt dem Cassettenrekorder, der immer noch den „Sunshine Reggae“ spielt. Leider stört Bönisch nicht nur, dass es im Auto „riecht wie Hund“. Sie hat auch einen neuen Mann an ihrer Seite, Haller von der Spurensicherung (Tilman Strauss). Die Spannungen im Tatort (ARD) unter den Dortmunder Kommissaren nehmen auch heute nicht unbedingt ab.

Bei der Festnahme von Hakim Khaled (Shadi Eck) sieht sich Martina Bönisch (Anna Schudt) gezwungen, den Gesuchten mit körperlicher Gewalt zu überwältigen. Das Geschehen wird gefilmt - und im Internet vielfach kommentiert.

Tatort (ARD) heute: Mordfall in Dortmund führt zu Komplikationen

Nun führt ein eigentlich recht normaler Mordfall zu Komplikationen. Eine linke Bloggerin (Jaëla Probst) prangert Bönisch als Rassistin an. Kurz darauf wird die Ermittlerin von maskierten Gestalten vor ihrer Wohnung überfallen. Die Demütigung wird gefilmt, wieder für das Internet. Die Partei „Neue deutsche Mitte“ um Nils Jacob (Franz Pätzold) macht Stimmung mit der Kriminalität im sozialen Brennpunkt. Dem smarten rechten Populisten käme eine zu Unrecht verfolgte Ordnungshüterin gerade recht für seine Kampagne. Bei einer Solidaritätskundgebung der Rechten eskaliert die Lage. Es kommt zu einem Gewaltausbruch im Ladenkomplex.

Regisseur Sebastian Ko, für den der heute ausgestrahlte Film der erste Dortmunder Tatort (ARD) ist, und Jürgen Werner, der die Bücher für die meisten Fälle des Revierteams schrieb, ist ein ausgesprochen zeitgemäßer Krimi gelungen. Und das nicht nur, weil die Passanten Corona-Masken tragen. Immer wieder hat man Einblendungen anderer Medien, wie die mittlerweile aus Nachrichten gewohnte Handy-Film-Optik im Hochformat. Chat-Nachrichten ploppen wie Blasen auf, visualisieren die Parallelwirklichkeit der sozialen Medien. Der Mord funktioniert als Katalysator, der tiefer liegende Konflikte ausbrechen lässt. Wenn die enthemmten Randalierer durch die labyrinthischen Gänge der Einkaufsbrache ziehen, Rauchbomben werfen, Scheiben einschlagen, aufeinander einprügeln, dann sieht das für eine ARD-Fernsehproduktion erstaunlich groß aus. Dass an Orten des sozialen Niedergangs wie dem fiktiven Gerberzentrum Gewalt ausbricht, ist ein plausibles Szenario.

Tatort (ARD) am Sonntag: Dortmunder Kommissarin wird „Nazi über Nacht“

Für jeden im Ensemble hält der Film einprägsame Auftritte bereit. Anna Schudt rückt diesmal mehr in den Blick. Sie fühlt sich zum „Nazi über Nacht“ gemacht. Wie sie wortlos die Panik beim Überfall ausdrückt, wie sie wütend auf den Hass im Netz reagiert, wie sie schließlich bei den Rechten auftritt, das sind starke Momente. Jörg Hartmanns Faber ist diesmal nicht so sehr der unberechenbare Psychopath. Das unerwiderte Begehren des Kommissars fördert seine Diensttauglichkeit aber auch nicht unbedingt. So landet er im Zentrum auf einer Bank mit einem Obdachlosen, der einmal einen Laden hatte – „bis Corona“ –, und er trinkt und tanzt und droht endgültig abzustürzen. Auch der junge Kollege Pawlak (Rick Okon) hat außerdienstliche Sorgen: Seine einst drogenabhängige Frau hat die Tochter nicht von der Schule abgeholt.

Drehpause im Filmauto: Anna Schudt und Jörg Hartmann bei den Dreharbeiten im Sommer 2020.

Da erscheint die Neue erfrischend stabil: Stefanie Reinsperger, Burgschauspielerin, inzwischen am Berliner Ensemble, betritt als Rosa Herzog den Tatort (ARD). Sie zeigt gleich Umsicht, fragt nach einem Bolzenschneider. Keine Ahnung, wem der gehört, meint ein Spurensicherer und bekommt die Anweisung: „Kann das vielleicht mal wer rausfinden?“ Sie sichert beherzt das Mobiltelefon des Opfers, geht mit Computer ebenso souverän um wie mit der Pistole. Wobei ihr anzusehen ist, dass sie sich mit Gewalt unwohl fühlt. Dafür tritt sie ihren Kollegen ebenso selbstbewusst gegenüber wie Zeugen. Gerade weil sie ein ganz anderer Typ ist als die Kommissarin Dalay (Aylin Tezel), die es im Problemkommissariat Dortmund nicht länger aushielt, bildet sie eine spannende Ergänzung.

Erst vor wenigen Monaten wurde anlässlich des Tatort-Jubiläums eine Doppel-Folge ausgestrahlt, bei der neben den Kommissaren aus Dortmund auch die Münchener Tatort-Kollegen ermittelten.

Rubriklistenbild: © WDR/Bavaria Fiction GmbH/Martin Menke

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