Tanzabend „Zeitblicke“ am Aalto-Theater Essen

Subtiler Balanceakt: Szene aus der Choreografie „Petite Mort“ in Essen mit Armen Hakobyan und Maria Lucia Segalin. ▪

ESSEN–Sechs fast nackte Männer mit Degen eröffnent die Choreografie von Jirí Kylián auf Klaviermusik von Mozart. „Petite Mort“ nannte Kylián das Stück, das er 1991 für die Salzburger Festspiele schuf – „kleiner Tod“, die französische Umschreibung für Orgasmus. Es ist der Auftakt zu einem dreiteiligen Ballettabend am Aalto-Theater unter dem Titel „Zeitblicke“. „End-Los“ von Patrick Delcroix und „Rooster“ von Christophe Bruce komplettieren das Programm.

Von Ursula Pfennig

Kylián wählte für „Petit Mort“ die langsamen Sätze aus den Konzerten KV 488 und 467 aus. Die Musik wird, wie alle Stücke des Abends, vom Band eingespielt. Die Ausstattung ist zurückhaltend: Hautfarbene Mieder (Joke Visser) und weißes Licht (Joop Caboort) lenken das Augenmerk auf die Bewegungen der sechs Paare. Daneben werden Degen und Rokokokostüme in den Tanz integriert. Zunächst wirkt es, als steckten die Tänzerinnen in den Kleidern. Doch es sind nur rollbare Schneiderpuppen, die sie wie einen unnötigen Schutzschild zur Seite schieben können.

Kylián prägte mit seinem klassisch fundierten und sehr einfallsreichen, modernen Stil das Nederlands Dans Theater. Auch in „Petit Mort“ wirkt die Bewegungssprache sehr kultiviert und gebändigt. Die Vereinigung zwischen Mann und Frau wird als ernsthafter und konzentrierter Balanceakt zwischen Aggressivität und Verwundbarkeit gezeigt, zwischen Kraft und Stille. Immer wieder neue Figuren zeichnen die Paare im Duett, in dem sie ihre Körper umeinander drehen und heben und schließlich kunstvoll zusammenfügen.

Die zweite Choreografie des Abends wurden von Patrick Delcroix eigens für das Aalto-Theater entwickelt. Es ist der Höhepunkt des Abends. Delcroix ist ein Schüler Kyliáns und arbeitet eng mit ihm zusammen. „End-Los“ ist ein etwa 30-minütiges Stück für acht Tänzerinnen und Tänzer. Es zeigt einen Überlebenskampf: den Versuch, sein Leben in den Griff zu bekommen.

Elektronische Musik, deren Bässe das Zwerchfell vibrieren lassen, ein Wald harter weißer Lichtstelen unter bedrohlich tief hängenden Strahlern (Bühne und Licht: Kees Tjebbes), eine einzelne Tänzerin, der es den Boden unter den Füßen wegzuziehen scheint. Von Anfang an baut Delcroix ein Stimmung der Bedrohung auf. Die emotionale Musik von David Lang, Kerry Muzzey und Jóhann Jóhannsson und unterstreicht die Atmosphäre zwischen Verlorenheit, Angst und Sehnsucht.

Die Tänzer agieren auf Socken, rutschen manchmal wie Eiskunstläufer über den Boden. Ihre Bewegungen sind temperamentvoll und athletisch, sowohl im Solo als auch im Duett. Immer wieder schmeißen sie sich aneinander, brechen aus, suchen Wege nacheinander und verlieren doch wieder den Halt. Letztlich steht die einzelne Frau wieder allein das. Hier offenbart sich die Zweideutigkeit des Titels: Nicht nur auf den endlosen Überlebenskampf wird verwiesen, sondern auch auf das Los (im Sinne von „Schicksal“) der Endlichkeit des Menschen – also auf den Tod.

Nach der Pause findet der Abend mit Christopher Bruces „Rooster“ einen unterhaltsamen Abschluss. Auch diese sehr populäre halbstündige Choreografie auf neun Titel der Rolling Stones stammt aus dem Jahr 1991. Bruce greift die Stimmung der 60er Jahre auf und karikkiert mit liebevollem Witz Attitüden eines munteren Kampfs zwischen männlichen Gockeln und weiblichen Hennen.

Da rücken die Herren immer wieder ihre Krawatten zurecht, schnipsen imaginäre Fussel vom Jackett und schleichen wie gezähmte Tiger um die Damen in Minirock und Stirnband herum. Es ist ein keckes Spiel, das die fast Erwachsenen da treiben: Liebe, Tränen und Eifersucht sind flüchtig. Die Ironie ist amüsant, aber auch sehr zahm. Selbst bei dem Part auf „Sympathy for the devil“ kommen Leidenschaft und Rebellion nicht vor. Den Rolling Stones werden hier alle Zähne gezogen.

24., 26.1., 1., 16., 18., 26., 29.2., 9., 14.3., 7.6.

Tel. 0201 / 81 22-200

http://www.theater-essen.de

Quelle: wa.de

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