„Szenen einer Ehe“ mit Joachim Król bei Ruhrfestspielen

+
Wie war das noch – Liebe, Ehe, Zerwürfnis? Joachim Król und Astrid Meyerfeldt in Jan Bosses Theaterfassung von Ingmar Bergmans „Szenen einer Ehe“, zu sehen in Recklinghausen.

Von Achim Lettmann -  RECKLINGHAUSEN Der Tiefenschmerz, den Ingmar Bergman mit „Szenen einer Ehe“ auslotete, ist Vergangenheit. Der erniedrigende Stellungskrieg aus der schwedischen TV-Reihe, auf die später noch eine Kinofassung (1973) folgte, ist am Theater zu einem tragikomischen Bilanzdrama geworden.

Es sind die Jahre, die wirken, und in der Rückschau milde stimmen. Bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen sorgte die Bearbeitung von Jan Bosse (Schauspiel Stuttgart) für einen Höhepunkt am Grünen Hügel, auch weil der Regisseur den Erfahrungswert des Bergmanschen Lehrstücks vom Zeitbezug befreit.

Interessant auch, wie Joachim Król, geschätzt für seine nuancierten Charakterstudien, den Johan gibt, der seine Frau Marianne verlässt, demütig, schlägt? In einer Neuübersetzung von Renate Bleibtreu geben Astrid Meyerfeldt und Joachim Król ein modernes Paar, das sich im dramatischen Moment der Erkenntnis am Leben versichert. Dabei sind sie sarkastisch, humorig, ja unterhaltsam – bei aller innerer Not. Schon der erste Akt „Unschuld und Panik“ ist ein flackernder Dialog, noch ganz von naiver Zuversicht geleitet, wie denn Ehe sein soll. „Immer einer Meinung“, sagt Meyerfeldt, „in den wichtigen Fragen“ fügt sie hinzu und schaut hilfesuchend; er ist nicht weit. Man arrangierte sich. Geld, Gesundheit, Arbeit, alles ist da. Król skizziert die Figur des Bildungsbürgers, der Probleme umkreist, Konflikte verniedlicht, den kursorischen Alltag feixend flankiert. Das Doppelbödige des Glücks wird herrlich entlarvt. „Einfacher mit einander umgehen“ wird aber als Wunsch hörbar und als Einsicht spürbar inszeniert.

Spielwütig ist das, wenn Astrid Meyerfeldt im Ehebett mit Gymnastik den Unmut übers immergleiche Leben rauslässt. Während sie in den Spagat geht, bindet er sich noch den Schlips, trinkt Kaffee und macht ihre „Revolution“ lächerlich. Sonntagsessen bei den Eltern, Modenschau, Theater, alles absagen. Vergnügen statt Pflicht („Feiertagshölle“), solche Losungen erreichen das Festivalpublikum, das bei Johans’ Wahrheiten dann aufstöhnt. „Seid vier Jahren will ich dich loswerden“, sagt er, „Scheißdreck“ und „nenn’ deinen Preis“. Scheidung!

Dass „Szenen einer Ehe“ nur tragisch wird, liegt an Joachim Król, dem man letztlich keine Entgleisung ankreidet. Als Wissenschaftler (52), der mit Paula (29) nach Paris durchbrennt, ist der Störfall der Ehe immer auch der Impuls, das Leben neu zu genießen. Melancholisch sind dann die Momente, wenn er „aus alter Freundschaft“ mit Marianne wieder ins Bett geht. Die mehrgeschossige Spielfläche als Drehbühne (Moritz Müller) kreist ums Haus, wo die Kinder als Videoprojektion aufscheinen, und Johan in der Garage „All my best days are behind me now“ singt. Halbdunkel wird’s dann, die Illusion ist greifbar, und Marianne moduliert mit ihrer Stimme „alle, alle, alle“, die von Johans Sinnkrise wussten – nur sie erst als letzte. Astrid Meyerfeldt entwickelt eine kommentierende Selbstironie. Sie erinnert mit ihrer Sprechkultur an die Rockpop-Sängerin Nina Hagen. Marianne berappelt sich, während Johan („Ich bin ein Arschloch“) von Paula genug hat und sein Selbstmitleid stilisiert: „Ich weiß kaum noch, wer ich bin?“ Zwischen Scheidungspapieren und Cognacflasche wirken beide enthemmt, und jeder für sich. Ein Entwicklungsbild.

Regisseur Jan Bosse zeigt, dass die Ehe scheitert, ersetzt bürgerliche Konvention Aufrichtigkeit und Liebe. Am Ende sind Paare im Videobild zu sehen, die alle von Meyerfeldt/Król gespielt werden. „Szenen einer Ehe“ summiert die Erfahrungen einer Generation. Das Publikum applaudiert. Standing Ovations.

heute, 20 Uhr; Tel. 02361/92 180

Quelle: wa.de

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.


Bitte beachten Sie: Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.

Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare