„Sweet Nothings“ nach Schnitzler bei den Ruhrfestspielen

Von Ralf Stiftel ▪ RECKLINGHAUSEN–Weinbeeren wirft Theodor, nein: „Dori“, übermütig auch ins Publikum. Der Wein fließt in Strömen, Dori betatscht Mizi und Christine, Fritz spielt Klavier, man tanzt. Eine schöne kleine Party, wie sie auch heute junge erfolgreiche Männer feiern könnten. Sie spielt aber um die vorletzte Jahrhundertwende, im k.u.k.-Wien, zwischen Reserveoffizieren und süßen Maderln.

Im Original heißt Arthur Schnitzlers Stück „Liebelei“. Zu Gast bei den Ruhrfestspielen ist eine Fassung des britischen Dramatikers David Harrower, in englischer Sprache, mit Akteuren des Young Vic Theater aus London, inszeniert von Regie-Altmeister Luc Bondy als Koproduktion unter anderem mit den Wiener Festwochen. Und es ist unfassbar, dass so viele Sitze in der Recklinghäuser Vestlandhalle leer blieben. Schauspielertheater auf diesem Niveau sieht man viel zu selten.

Die Geschichte: Fritz hat eine Affäre mit einer verheirateten Dame, was ihn nicht daran hindert, mit der naiven Christine anzubandeln. In das kleine Fest platzt der betrogene Gatte und fordert seinen Nebenbuhler zum Duell. Fritz wird sterben, zuvor aber selbst beim Abschied Christine nicht über die wahren Zusammenhänge aufklären. Die junge Frau hat an wahre Liebe geglaubt und bricht zusammen, als sie von Theodor alles erfährt.

Bondy inszeniert abseits aller falschen Wiener Romantik. Und die englische Sprache löst Schnitzlers Drama vollends aus der zeitlichen Fixierung. So geht es zwar weitgehend texttreu um Duelle, um Moral und eine archaische Männlichkeitsvorstellung. Aber Bondy spitzt das Stück ganz zu auf die betrogene Christine. Da werden die historischen Details nebensächlich. So spielt Kate Burdette die Christine als durchaus emanzipierte Frau, gutgläubig, gewiss, aber die Beziehung zum jungen Reserveoffizier wählt sie bewusst. Oft wird in Schnitzler-Inszenierungen auch Fritz als Liebender gezeichnet. Tom Hughes aber zeigt klar die Falschheit dieses Mannes, der bis zum letzten Augenblick die Frau belügt, die ihn liebt. Christines Umarmungen sind für ihn ein letzter Genuss, wie ein Glas guten Weins oder eine edle Zigarre. Er berauscht sich am großen Gefühl, aber er nimmt sie nicht ernst, benutzt sie.

Großartige Darsteller erlebt man auch in Nebenrollen: Die erfahrene, aber nicht abgestumpfte Mizi von Natalie Dorner, den so unzeitgemäß toleranten Vater von David Sibley, den kaltschnäuzigen Frauenverschleißer Theodor von Jack Laskey, die bei aller Ehrpusseligkeit doch auch mitfühlende Katharina von Hayley Carmichael. Es ist ein Genuss, diese Schauspieler sprechen zu hören, zu erleben, wie sie textliche Doppeldeutigkeiten herausarbeiten, unausgesprochene Gefühle deutlich zeigen. Das steht durchaus in der angelsächsischen Bühnentradition, die mehr dem realistischen Umsetzen des Textes verpflichtet ist als einem eigenständigen Zugriff des Regietheaters. Aber Bondy schließt den Stoff so auf, dass man ihn über die historische Distanz hinweg unmittelbar erlebt.

21., 22.5., Tel. 02361/ 92 180

http://www.ruhrfestspiele.de

Quelle: wa.de

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