Susanne Linke choreografiert in Münster: „Meinstream“

Die Tänzerin Hsuan Cheng in der Choreografie „Meinstream“ von Susanne Linke, zu sehen in Münster. ▪

MÜNSTER–Für Menschen, die deutsches Tanztheater lieben, war die Premiere des Stücks „Meinstream“ am kleinen Haus in Münster ein melancholisches Erlebnis. Das nicht allein der Thematik wegen, sondern weil diese Tradition am Hause nicht mehr lange gepflegt wird. Daniel Goldin, der in dieser Nachfolge ausgebildet ist und arbeitet, absolviert gerade seine letzte Saison als Münsteraner Tanzchef.

Von Edda Breski

Mit seinem Ensemble hat Susanne Linke „Meinstream“ erarbeitet, eine Ikone der deutschen Tradition von Tanztheater und Ausdruckstanz, ausgebildet bei Dore Hoyer, geschult am Folkwang-Tanz. Der Einstünder wurde vom Publikum lange gefeiert; das galt neben der 67-Jährigen auch den zehn sichtbar gerührten Tänzern.

Susanne Linke bearbeitet in „Meinstream“ die Themen Individualität, Gruppendynamik und das Zwischenspiel beider Erfahrungen. Zu Beginn spielt sie schelmisch auf die Hybris der Modeszene an. Paul Hess stolziert in Napoleonhut und Spitzenpanty befehlshaberhaft über den Catwalk. Dieser Laufsteg ist die Tanzfläche, die Zuschauer sitzen zu beiden Seiten (Bühne: Matthias Dietrich). Der Modezar zwingt Kragen in die gewünschte Haltung und rollt mit einem Garderobenständer wie auf einem Skateboard daher. Wie seltsame Giraffen wippen die „Models“ den Gang hinunter, gekleidet in phantastische Kreationen in Schwarz (Kostüme: Rupert Franzen). Männer tragen Schnürkissen vor dem Bauch, so dass sich Röcke bauschen wie über Schwangerschaftsbäuchen. Ein aufgezwungenes Spiel mit Geschlechterrollen. Einen genderpolitischen Kommentar gibt Linke aber nicht ab. Sie löst das Spiel auf und befreit die Tänzer, indem sie ihnen Raum gibt, in individuelles Verhalten zu entweichen. Männer als Männer, Frauen als Frauen. Der Rückzug ins Verinnerlichte: Jeder lässt fließen, was ihn bewegt; ein Grundmotiv des Ausdruckstanzes.

Linke hat das Stück auch auf der Basis von Tänzer-Improvisationen erarbeitet, indem sie sie ganz klassisch ihren Namen darstellen ließ. Diese Bewegungen hat sie sanft in Form gebracht. Individualität zeigt sich sequenzenweise, kann sich aber auch zur Massenformation entwickeln. Der Mensch kann nicht allein, aber miteinander ist es auch nicht zu ertragen.

Unterstrichen wird diese Botschaft durch Texte des russischen Schriftstellers Daniil Charms (und von Linke selbst). Sie sind ausgesprochen hermetisch und werden mit dem Tanz so konfrontiert, dass Verfremdungs- und Einfühlungseffekte einander abwechseln. Der Abend ist auch eine Reflexion über Konstruktion: von Identität ebenso wie von Bühnenerleben. Die Tänzer sind dem Zuschauer nah, er hört ihr Atmen, sieht Schwielen an den Füßen und rote Druckstellen an den Bäuchen, dort, wo die Tänzerinnen von ihren Partnern gegriffen wurden, um in die Luft geschleudert zu werden.

Die Musik (Komposition und Sounddesign: Wolfgang Bley-Borkowski) verbindet Vogel- und andere Tiergeräusche, schwenkt vom Geräuschhaften ins Abstrakte. Ganz am Ende schwebt, fern wie eine Erlösung, Montsalvatges berühmtes „Canción de cuna para dormir un negrito“ über den Tänzern. Das Violinsolo kollidiert mit einem brutalen Text, in dem ein Ich-Erzähler eine Vergewaltigung beschreibt – als Täter.

Das Stück

Eine schwermütige Reflexion über Individuum und Gruppe, ein großes Stück Tanztheater: Meinstream von Susanne Linke am Kleinen Haus in Münster.

1., 4., 10., 25.2., 11., 20., 24., 30.3.; Tel. 0251/59 090,

http://www.stadttheater.muenster.de

Quelle: wa.de

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