Subkultur der 80er Jahre im Münchener Haus der Kunst

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Claudia Skoda, Berliner Mode-Designerin, mit der für sie gestalteten Boden-Collage von Martin Kippenberger. West-Berlin, 1984

MÜNCHEN - Ende der 70er Jahre war die Protest- und Hippiekultur zum neuen Mainstream mutiert. Eine neue Generation von deutschen Musikern und Künstlern forderte die etablierte Gegenkultur heraus. Gegen alternativ-ökologische Naturanbetung forderte beispielsweise die Band S.Y.P.H trotzig-spottend „Zurück zum Beton!“.

Dieser sich aus dem Geiste des Punk speisende Bildersturm stellt vielleicht die kreativste Zeit des deutschen Pop dar. Ihre Protagonisten wie der Maler und Kunstprofessor Markus Oehlen oder der Musiker Peter Fehlmann sind heute graubärtige Endfünfziger, die man kaum noch mit der schrillen Punk-Ästhetik in Verbindung bringen würde.

Bereits 2001 wurde mit dem Buch „Verschwende Deine Jugend“ an den deutschen New Wave erinnert. Mit der Ausstellung im Haus der Kunst ist die (kurze) Zeit zwischen 1979 und 1984 endgültig im Museum angekommen. Auf insgesamt überzeugende Weise haben die Kuratoren das musikalische und visuelle Vermächtnis der „Dilletanten“ erfasst.

Aktuelle Interviews mit den Protagonisten der Szene liefern wichtige Stichworte zur Einordnung. Die wichtigsten Bands werden auf großformatigen Bildern und in Musikvideos vorgestellt. Andere wiederum, wie die auch kommerziell erfolgreichen Fehlfarben, tauchen nur am Rande auf. Ein Auswahlkriterium war offensichtlich die künstlerische Grenzüberschreitung: Die Tödliche Doris aus Berlin verstanden sich als Kunstprojekt, dessen Auftritte mehr Performances als Konzerte waren. Musik, Videos, Kostüme und auch Kunstobjekte entsprangen einem schier überbordenden Do-it-yourself-Prinzip. Einem Kopf der Band, Wolfgang Müller, ist der Titel der Ausstellung „Geniale Dilletanten“ zu verdanken. Die Falschschreibung in Müllers Manifest war damals programmatisch zu verstehen. Anstelle von handwerklichem Können und zur Schau gestellter Perfektion stand der Ausdruck, die Idee und das Konzept, aus Alltag Kunst zu machen. Wer noch nicht mal die berühmten drei Akkorde auf der Gitarre beherrschte, griff einfach zum Mini-Keyboard von Casio. Geräusche wurden wie bei den Einstürzenden Neubauten als tragende Elemente eingesetzt. Texte waren fast immer deutsch: Gegen Authentizität und Gefühlstiefe der 68er Bewegung setzte man Künstlichkeit, Ironie und Zitate. Die Hamburger Band Palais Schaumburg, schon optisch mit zackigen Seitenscheitelfrisuren ein Provokation für jeden 68er, knüpften zu ihrem Sound aus Funk, Punk und Krach textlich an Paul Hindemith an: Mit Deutschsein und Vergangenheit wurde plötzlich wieder kokettiert.

Der Aufbruch fand aber nicht nur in der Musik, sondern auch ganz maßgeblich in der Bildenden Kunst statt. „Auch ein Bild konnte Punk sein“, betont etwas schnoddrig Schorsch Kamerun, Sänger der Goldenen Zitronen. In den großformatigen Bildern der so genannten Neuen Wilden wie A. R. Penck, Martin Kippenberger oder Walter Dahn manifestierte sich eine Lust auf ein schnelles und kräftiges Malen. Markus Oehlen, der nebenbei auch als Musiker bei den Bands Mittagspause und Fehlfarben spielte, deutet diese Spontaneität, die sich gegen akademisches Theoretisieren wendet, mit seinem Bild „Erst Malen“ an: Der Künstler entdeckt erst im Prozess die Inhalte seiner Kunst.

Neben Berlin und Hamburg war Düsseldorf ein Zentrum des Aufbruchs: Die Stadt wimmelte von erfahrungshungrigen Kunststudenten, die gemeinsam mit Professoren wie Jörg Immendorf und Joseph Beuys in den legendären Ratinger Hof strömten, um dort im Neonlicht zu tanzen. Im Keller des schäbig-schillernden Clubs probte die Band DAF (Deutsch-Amerikanische-Freundschaft), die mit ihren elektronischen Minimalismus schließlich auch in England Erfolg hatte. Ebenfalls aus Düsseldorf kam die Band Der Plan: Frank Fenstermacher und Moritz Reichelt, ursprünglich Galeriebetreiber, gestalteten Cover, Plakate, ja sogar Musikvideos ihres dadaistischen Projektes selbst und gründeten schließlich sogar ein eigenes Label. In den Interviews mit den Protagonisten der Zeit taucht aber auch die Enttäuschung über das frühe Ende der kreativen Phase auf: Die so genannte Neue Deutsche Welle, mit nur eingeschränkt kreativen Sängern wie Markus, Fräulein Menke oder Hubert Kah, machte aus der widerspenstigen Subkultur hitparadentaugliche Songs.

Dennoch hat die im Haus der Kunst gezeigte Bewegung auch jenseits aller Musealisierung ihre Spuren hinterlassen: Gerade die elektronische Musik der 90er, das betonen DJs wie Westbam unermüdlich, hat dem kreativen Dilettantismus der Zeit unendlich viel zu verdanken. Und auch der Popjournalismus wäre ohne die von Künstlern wie Peter Bömmels 1980 in Köln gegründete Zeitschrift Spex heute sicherlich ein anderer.

Dirk Frank

Die Schau

Herrlicher Ausflug in die Geschichte  einer Randkultur.

Geniale Dilletanten – Subkultur der 1980er-Jahre in Deutschland wurde als Tourneeausstellung des Goethe-Instituts konzipiert und für die Präsentation im Haus der Kunst maßgeblich erweitert.

Bis 11. Oktober; täglich 10 bis 20 Uhr, do bis 22 Uhr;

Tel. 089/21127 113; www.hausderkunst.de

Quelle: wa.de

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