Subjektiv und radikal: Heiner Goebbels stellt seine letzte Ruhrtriennale vor

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Auf Bewegungsrecherche für die Ruhrtriennale: Die französische Choreografin Mathilde Monnier.

Von Ralf Stiftel DUISBURG - Anti-Opern. Ein sinfonischer Film um den Mythos Norman Mailer. Wehender Staub zu Musik von Strawinsky. Ein Ballett auf Glasscherben. Man kann nicht sagen, dass Heiner Goebbels bei seiner dritten und letzten Ausgabe der Ruhrtriennale Zugeständnisse an den Massengeschmack macht. Vom 15. August an erwartet den Festivalbesucher das wohl radikalste Programm des Avantgarde-Festivals. Ab 2015 übernimmt der niederländische Regisseur Johan Simons die Leitung der Ruhrtriennale.

Gestern stellte Goebbels das Programm im Landschaftspark Duisburg-Nord vor. Er knüpfte an den Erfolg der Ausgabe 2013 an, rund 50 000 Besucher, und unterstrich, dass das für ihn kein Ansporn sei. Er schiele nicht nach einer Quote, sondern setze weiter auf seine subjektive Auswahl. Die hat es diesmal in sich. Kein Schauspiel mehr. Bei den Opern vergessene Raritäten. Ein nochmal verstärkter Anteil an bildender Kunst. Viel Tanz. Hier sieht Goebbels den „größeren Innovationsschub für die darstellenden Künste“.

Zur Eröffnung gibt es in der 160 Meter langen Kraftzentrale des Landschaftsparks Nord die Oper „De Materie“ von Louis Andriessen. Der niederländische Komponist habe ihn in den 1970er Jahren sehr inspiriert, sagt Goebbels, der das Werk auch inszeniert. Die Oper handele vom Verhältnis zwischen Geist und Materie, erläutert er weiter, und sie wurde seit der Uraufführung 1989 in Amsterdam nicht mehr gespielt. Sie fordert den Zuhörer heraus: Am Anfang erklingt 144 mal ein scharfer, kurzer Akkordschlag.

Eine Komposition von Goebbels steht hinter einer weiteren Großproduktion in der Kraftzentrale: „Surrogate Cities Ruhr“. Zu einem Orchesterzyklus erschafft die französische Choreografin Mathilde Monnier einen Tanzabend mit 140 Kindern, Jugendlichen und Senioren aus dem Ruhrgebiet. Dabei geht sie zunächst auf „Bewegungsrecherche“, erklärt Goebbels. Sie formt die Choreografie aus den natürlichen Schritten und Gesten der Beteiligten. Neben den Bochumer Symphonikern sind die bekannten Jazzsänger Jocelyn B. Smith und David Moss beteiligt.

Schon für 2013 angekündigt, da aber wegen zu großer technischer Schwierigkeiten abgesagt, wird diesmal Romeo Castelluccis Choreografie zu Strawinskys „Le Sacre du Printemps“ aufgeführt. Der italienische Theatermacher fand, dass bei einem Opfer tatsächlich Tiere beteiligt sein sollten. 40 Maschinen werden in der Gebläsehalle des Landschaftsparks zur Musik den Staub gemahlener Tierknochen verwirbeln. Den Besucher erwartet ein Tanz ohne Körper, ein abstrakter Strudel. Gefahr besteht nicht, versichert Goebbels, zwischen Bühne und Publikum wird eine Folie gespannt.

Eine weitere Arbeit Castelluccis ist in der Jahrhunderthalle Bochum zu sehen: die Oper „Neither“ von Morton Feldman und Samuel Beckett. Der irische Dramatiker entwarf ein Libretto von 87 Wörtern in zehn Zeilen. Der US-Komponist schuf dazu eine Musik in der Schwebe. Solche Werke sieht Goebbels als Aufgabe für ein Festival wie die Triennale an, Theater, das sonst keine Chancen im Repertoire hat.

Überaus prominent sind Tanz und bildende Kunst im Programm vertreten. Die belgische Choreografin Anne Teresa de Kersmaeker präsentiert einen Pas de Deux zu Arnold Schönbergs früher Komposition „Verklärte Nacht“ in der Jahrhunderthalle. Die spanische Performance-Künstlerin La Ribot erarbeitet ein neues Werk, „El triunfo de la libertad“ im Pact Zollverein Essen. Der japanische Choreograf Saburo Teshigawara zertanzt in der Gebläsehalle des Landschaftsparks Glas. Und der französische Tänzer Boris Charmatz erarbeitet mit 14 Tänzern und fünf Kindern eine Choreografie über das Essen, „manger“, zu sehen in der Jahrhunderthalle.

Schon 2013 gab es viel Kunst bei der Ruhrtriennale. Diesmal freut sich Gregor Schneider darauf, das Lehmbruck-Museum in Duisburg „samt Park umzugraben“, wie er in einer Mail ankündigt. „Totlast“ wird ein gestalteter Raum, eine Kunstart, für die der Künstler aus Mönchengladbach berühmt ist. 1991 gewann er für sein „Haus Ur“ den Goldenen Löwen der Biennale von Venedig. Tino Sehgal arbeitet zwischen Performance und Choreografie, schafft immaterielle Ereignisse, die nicht fotografiert oder gefilmt werden dürfen. Der Teilnehmer der documenta 13 zeigt eine Arbeit in drei Versionen im Landschaftspark und auf der Zeche Zollverein in Essen. Vom US-Künstler Matthew Barney wird in der Lichtburg Essen der „sinfonische Film“ mit dem Titel „River of Fundament“ gezeigt, eine sechsstündige Monumentalarbeit über Norman Mailer.

Monumental wird auch die interaktive Installation von Rejane Cantoni und Leonardo Crescenti in der Hochofenstraße des Landschaftsparks. Ein 70 Meter langer Weg aus polierten Aluminiumplatten ist auf Stahlfedern gelagert und führt den Besucher so über eine höchst schwankende Spiegelfläche mit Ausblick auf die Architektur des ehemaligen Hüttenwerks.

Die Ruhrtriennale bietet vom 15.8. bis 28.9. 150 Veranstaltungen.

De Materie, Kraftzentrale Landschaftspark Duisburg, 15. – 24.8.

Le Sacre du Printemps, Gebläsehalle Duisburg, 15. – 24.8.

Verklärte Nacht, Jahrhunderthalle Bochum 16., 17.8.

Tino Sehgal (Ohne Titel) 30.8., 13., 14.9., Landschaftspark und Zollverein

La Ribot: El triunfo de libertad, Pact Zollverein, 4.-6.9.

Feldman/Beckett: Neither, Jahrhunderthalle, 6., 7., 12., 14., 19., 20.9.

Saburo Teshigawara: Broken Lights, Gebläsehalle, 12.–21.9.

Surrogate Cities Ruhr, Kraftzentrale Duisburg, 20., 21., 26., 27.9.

Boris Charmatz: manger, Jahrhunderthalle, 23., 24., 26., 27.9.

Eszter Salamon: Monument 0, Pact Zollverein, 25., 26., 27.9.

Außerdem gibt es eine Konzertreihe, ein Höhepunkt ist das Gastspiel des Concertgebouw Orchestra Amsterdam, Jahrhunderthalle, 28.9.

Die Ausstellungen Gregor Schneider: Totlast, Lehmbruck-Museum Duisburg, cantoni crescenti: Melt, Landschaftspark Duisburg, sowie

Antje Ehmann/Harun Farocki: Eine Einstellung zur Arbeit, Museum Folkwang, sind vom 15.8. bis 28.9. zu sehen.

Tel. 0221 / 280 210,

www.ruhrtriennale.de

Quelle: wa.de

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