„Stücke“ zum Thema Missbrauch von Jelinek, Kroetz, Brunner in Mülheim

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Aus der Opferperspektive zeigt Katja Brunners Stück „Von den Beinen zu kurz“ den Missbrauch.

Von Annette Kiehl MÜLHEIM - In der gemütlichen Männerrunde lässt sich Goethes „Faust“ lustvoll zitieren. „Zwei Seelen wohnen, ach!, in meiner Brust“, klagt der eine mit genüsslichem Selbstmitleid, und bald stellt der andere mit einem selbstzufriedenen Seufzer fest: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich‘s sein“.

Eineinhalb Stunden spielen sich Edgar Selge und Frank Seppeler als Faust-Darsteller die berühmten Zitate wie Pingpong-Bälle hin und her. Dann schlägt der eine mit der Axt ein Loch in den Bühnenboden. Mitsamt dem Publikum holt er die drei Gretchen aus ihrem Kellerverlies in den Theatersaal. Rasch dreht sich die Bühnenatmosphäre, und es heißt nun in Jelineks Worten: „Mein schönes Fräulein darf ich‘s wagen, meinen VW-Kastenwagen und Prügel Ihnen anzutragen.“

Elfriede Jelinek hat für ihr Stück „FaustIn and Out“ bei Goethe gewildert und ein Missbrauchsdrama geformt. In der Figur des Faust sieht sie den Kampusch-Entführer Prikopil und auch Josef Fritzl, der seine Tochter über viele Jahre im Keller einsperrte und sieben Kinder mit ihr zeugte. Dusan David Parizeks Inszenierung am Schauspielhaus Zürich verschränkt an einem Abend die Aufführung von Jelineks Kellerdrama mit dem „Urfaust“.

Die 38. Mülheimer Theatertage „Stücke“ zeigen mit Jelineks „FaustIn and Out“ nur eine Perspektive auf den Kindesmissbrauch. Auch Dramen von Franz Xaver Kroetz und Katja Brunner setzen sich offensiv mit dem Thema auseinander. Das ist bei acht Stücken, die um den Mülheimer Dramatikerpreis (15 000 Euro) konkurrieren, ein deutlicher Schwerpunkt.

Auffällig ist die Radikalität, mit der die Autoren den Kindesmissbrauch untersuchen. Jelinek, die zum 16. Mal im Wettbewerb vertreten ist, nimmt ihre typisch feministische Perspektive ein. Am Ende des Abends erklärt sie den Faust für unwichtig: „Ziehen Sie bitte den Mann von alldem jetzt ab. Sie können ja subtrahieren, hoffe ich“, fordert sie das Publikum durch die Gretchen auf.

Franz Xaver Kroetz schuf einen außergewöhnlichen Beitrag jenseits einer Mainstream-Diskussion. „Du hast gewackelt. Requiem für ein liebes Kind“ konzentriert sich auf die Täter. In einer eigentümlich lapidaren Sprache breiten fünf Männer und zwei Frauen ihre Lügen, Ausflüchte, Rechtfertigungen für Missbrauch und Mord aus.

Über der leeren Bühne hängt eine Tiefkühltruhe als Hinweis auf das tote Kind. Kroetz schrieb das Stück vor zehn Jahren, als er vom „Fall Pascal“ in Saarbrücken hörte. Es gilt als wahrscheinlich, dass der fünfjährige Junge von Stammgästen einer Kneipe regelmäßig sexuell misshandelt wurde. Seine nie entdeckte Leiche soll in einer Tiefkühltruhe gelagert worden sein. Der Prozess endete jedoch mit Freisprüchen.

Kroetz‘ Stück, das Anne Lenk am Residenztheater München unter anderem mit Manfred Zapatka inszenierte, ist schwer auszuhalten: Die detaillierten Beschreibungen sind gerade in der weichen, süddeutsch gefärbten Sprache abstoßend und in ihrer Verharmlosung ekelhaft. Doch das Drama ist in seiner Komplexität herausragend. Es versucht, sich in die Psyche der Täter einzufühlen und die Motive für den Missbrauch zu ergründen.

Katja Brunners „Von den Beinen zu kurz“ lässt ein Opfer sprechen. Die erst 22 Jahre alte Züricher Literaturstudentin hat sich tief in das Mädchen hinein phantasiert - ohne Rücksicht auf akzeptierte Vorstellungen und Grenzen des Skandalösen. So schildert das Inzestopfer seinen Missbrauch sprachgewaltig als große Liebesgeschichte – mal schwärmerisch, mal verteidigend. Für sie ist die Misshandlung durch den Vater seit der Geburt Normalität. Das Stück führt schmerzhaft die Dimension eines Machtmissbrauchs vor Augen. Inszeniert wurde es in einer surreal anmutenden Atmosphäre von Heike Marianne Götze am Staatstheater Hannover.

Diese mutigen Stücke dominieren das Festival und beschäftigten noch über die Aufführungen hinaus das Publikum in Diskussionen mit Regisseuren, Autoren und Darstellern. Dennoch zeigten auch die fünf weiteren Stücke im Wettbewerb herausragende Momente des zeitgenössischen Theaters.

Nach Marianna Salzmanns jüdischer Familienkomödie „Muttersprache Mameloschn“ spielte das Staatstheater Hannover das epische Krisendrama „Tod und Wiederauferstehung der Welt meiner Eltern in mir“ des jungen Autors Nis-Momme Stockmann. Er arbeitet sich am Beispiel eines Ex-Bankers und nun waffenvernarrten Hausmeisters an einer vom Kapitalismus durchsetzten Welt ab.

Das Bild einer von Wirtschaftlichkeitsmaximen durchzogenen Gesellschaft entwirft ebenfalls Felicia Zeller. Die Sprachspielerin, die mit „Kaspar Häuser Meer“ ihren Durchbruch erlebte, seziert in „X-Freunde“ nun die „Generation Beißschiene“: Jene stets netzwerkenden, immerzu kreativen und produktiven Start-Up-Unternehmer, die den Stress eben nur noch mit einer Beißschiene im Mund ertragen. Bettina Bruiniers Inszenierung am Schauspiel Frankfurt zelebriert Zellers Wortwitz, ihren typischen Satzstakkato und die umherspringenden Gedanken des Textes.

Das bei der Auswahljury der „Stücke“ umstrittenste Stück ist das wohl gleichzeitig erfolgreichste des Jahrgangs: Moritz Rinkes „Wir lieben und wissen nichts“. Die Komödie des vielseitig aktiven Autors wurde bereits an zahlreichen Theatern gespielt, in Mülheim war eine Inszenierung des Konzert Theater Bern zu sehen. Das Vier-Personen-Stück um einen missglückten Wohnungstausch unter Akademikern besticht mit intelligentem Witz und Charme à la Yasmina Reza. Doch das gilt im Dramatikerwettbewerb nun einmal leicht als konservativ und oberflächlich. Rinke zeichnet in seinen Wortgefechten aber auch das Porträt einer vermeintlich besseren Gesellschaft: Zerrissen zwischen Bedürfnissen, Selbstverwirklichung und bürgerlichen Idealen.

Die Mülheimer Theatertage enden am heutigen Mittwoch mit der Aufführung von Azar Mortazavis Stück „Ich wünsch mir eins“ und der Jury-Diskussion um den Preisträger der „Stücke 2013“. Tel.: 01805/ 570 000,

www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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