„Stücke“ von Schimmelpfennig und anderen in Mülheim

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Was nachts geschieht: Szene aus Roland Schimmelpfennigs Stück „Das fliegende Kind“ mit Johann Adam Oest, Peter Knaack und Falk Rockstroh (von links). ▪

MÜLHEIM ▪ Ein Vater ist unterwegs im neuen Auto, auf dem Weg zum Vortrag der Urwald-Expertin mit dem erotisch klingenden Namen und der dramatischen Botschaft: Doktor Dolores da Silva spricht über „Untergang und Zukunft“. Er dreht das Radio auf, aggressiver Techno dröhnt: „Out of Space“. Während die Kinder beim Laternenumzug „St. Martin“ besingen, rast er wie der Erlkönig durch die dunkle Nacht. Mit fatalen Folgen.

Von Annette Kiehl

Er vergisst das Licht einzuschalten, sucht unter dem Sitz nach dem klingelnden Handy und steuert auf das größte Unglück zu. Er fährt sein eigenes Kind an, durch den Aufprall wird es in die Luft geschleudert, bis auf den Kirchturm. Es stirbt.

In „Das fliegende Kind“ stellt Roland Schimmelpfennig Fragen nach Schicksal und Schuld. Seine Figuren, Vater wie Mutter, ignorieren die Zeichen und hören die Warnungen nicht. Ihr Egoismus wird bestraft, sie stürzen wie in einer griechischen Tragödie in das Verderben.

Schimmelpfennig hat das Stück am Wiener Burgtheater selbst inszeniert, und er lässt seine sechs souveränen Darsteller tatsächlich Theater machen: Sie spielen Autofahrer und Urwald, sind Tunnelarbeiter und im nächsten Moment Vater und Kind. Ständige Wiederholungen der Prophezeiungen erinnern an die Chöre im antiken Drama.

Mit dieser klassischen Erzählweise und seinen deutlichen Botschaften ist „Das fliegende Kind“ umstritten und ein Außenseiter im Wettbewerb bei den 37. Mülheimer Theatertagen „Stücke“.

Eine Jury hat die sieben interessantesten neuen Texte aus dem deutschsprachigen Raum für das Festival ausgewählt. Neben den großen Bühnen der Metropolen Hamburg, Wien und Berlin haben es auch das Theater Bielefeld, das Staatsschauspiel Dresden und das Deutsche Nationaltheater Weimar / Schauspiel Dresden in den Wettbewerb geschafft. Durch die Erkrankung des Hauptdarstellers in René Polleschs „Kill your Darlings. Streets of Berladelphia“ konkurrieren nur sechs Stücke um den Jurypreis (15 000 Euro) sowie um die undotierte Publikumsauszeichnung.

Gleich mehrere Dramatiker beschäftigen sich mit der Familie. Ist das der Rückzug ins Private nach Jahren der theatralen Auseinandersetzung mit Globalisierung und Wirtschaftskrise? Nein, vielmehr untersuchen vier der in Mülheim vertretenen Autoren die Familie als Keimzelle der Gesellschaft, die wie kein anderer Bereich gleichzeitig Glücksversprechen und Krisenherd ist.

„Vater Mutter Geisterbahn“ – in Martin Heckmanns‘ Stück kündigt schon der Titel an, dass bei Familie Klein vieles falsch läuft. Trotz aller guten Vorsätze. Die Mutter hat mit Ottos Geburt ihr Philosophiestudium aufgegeben, der Vater arbeitet im Copy-Shop statt als Regisseur. Alles, um das Kind umfassend zu erziehen. Die dramatische Komödie erzählt aus der Perspektive des überforderten Kindes von den Erwartungen der Eltern an sich selbst und das Projekt Nachwuchs. Christoph Frick hat das Stück des Sprachspielers Heckmanns am Staatsschauspiel Dresden in einem engen Raum inszeniert, die scharfen Dialoge springen zwischen den Wänden hin und her. Der Druck, der auf dieser Familie lastet, ist schmerzhaft spürbar. Wo ist der Ausweg im Gewirr der gesellschaftlichen Ansprüche?

In „Käthe Hermann“, dem zweiten Werk von Anne Lepper, ist das Personal bereits einige Jahre weiter: Käthe Hermann, die ältere Dame, hat sich vor ihrem prekären Dasein als arme Rentnerin in die Utopie geflüchtet. An diesem Ort ist sie eine große Balletttänzerin mit vielversprechendem Nachwuchs, und ihre Kunst rettet die Welt. Allabendlich tritt sie im Wohnzimmer auf, und die halbwüchsigen Kinder applaudieren widerwillig. Die Realität findet in dieser Familie nicht mehr statt. In der Bielefelder Inszenierung von Daniela Kranz steht mitten auf der Bühne ein Miniaturhaus. Sehnsuchtsort oder Gefängnis? Die rebellische Tochter und der behinderte Sohn arbeiten sich an diesem Symbol ganz unmittelbar körperlich ab: Sie hangeln sich nach oben, ziehen sich auf das Dach, hängen ineinander verschränkt herunter. Anne Lepper ist eine konsequente und etwas beängstigende Satire gelungen.

Während auch Peter Handke in seinem Wettbewerbsbeitrag „Immer noch Sturm“ auf das Nachwirken einer Familiengeschichte blickt, weichen drei junge Autoren im laufenden „Stücke“-Jahrgang von dieser Linie ab. Mit „Reicht es nicht zu sagen, ich will leben“ von Darja Stocker und Claudia Grehn ist ein Theatertrend der letzten Jahre bei den Theatertagen angekommen: das partizipative Stück – Bürger liefern den Text für das Theater. Das Duo hat Menschen aus Leipzig und Weimar interviewt und die Zitate und Dialoge zu 30 Szenen zusammengefügt: Vom schikanierten Asylbewerber über die überforderte Gymnasiastin bis zur rebellischen Uni-Dozentin will das Stück einen Eindruck der Wutgesellschaft und ihrer Antriebe zeigen. In vielen Szenen der Inszenierung von Nora Schlocker versuchen die Darsteller jedoch, ihre Wut durch Dramatik und Lautstärke zu transportieren. Auf der rampenartigen Bühne, die mitten durch das Publikum führt, wird viel gerannt, geklagt und geweint – und am Ende bleibt doch nur wenig Emotion und kaum Erhellendes übrig.

Zum Abschluss der Mül-heimer Theatertage am Donnerstag zeigt das Deutsche Schauspielhaus Philipp Löhles Globalisierungsgeschichte „Das Ding“. Löhle, Jahrgang 1978, hat bereits vor einigen Jahren bei den „Stücken“ mit seiner Aussteiger-Geschichte „Genannt Gospodin“ für Bühnenaktion gesorgt. Seine neue Arbeit ist ein Reisebericht: die Spur einer Baumwollfaser von Afrika über China bis zu einem Fußballplatz in Deutschland.

Die 37. Mülheimer Theatertage „Stücke“ enden am 7. Juni mit der öffentlichen Diskussion der Jury zur Preisvergabe im Anschluss an die letzte Aufführung Theater  an der Ruhr.

Tel.: 01805/ 570 000,

http://www.stuecke.de

Quelle: wa.de

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