„Schmerzliche Heimat“ am WLT erzählt von den Angehörigen des ersten NSU-Opfers

Die Träume der Familie Simsek

+
Beklemmende Szenen: Susanne Kubelka und Neven Nöthig in dem Stück „Schmerzliche Heimat“ am WLT.

CASTROP-RAUXEL - Es gibt wohl kaum eine Möglichkeit, verständlich zu machen, was die Opfer der NSU-Verbrechen durchlebt haben. Auch das Stück „Schmerzliche Heimat“, das das Westfälische Landestheater in Kooperation mit dem Theater Hof realisiert hat, schafft das nicht, es wäre auch zuviel erwartet.

Von Edda Breski

Die Inszenierung des WLT-Dramaturgen Christian Scholze erzählt, was Semiya Simsek in ihrem Buch „Schmerzliche Heimat“ berichtet: Wie ihr Vater Enver Simsek am 9. September 2000 an seinem Blumenstand in Nürnberg erschossen wurde. Wie die Polizei die Familie unter Druck setzte, weil sie von einer Beziehungstat ausging oder als Tatmotiv Drogengeschäfte ausgemacht haben wollte. Was es für die Familie bedeutete, als 2011 die Tatwaffe gefunden wurde und die Ermittlungen zum nationalsozialistischen Untergrund (NSU) begannen.

Christian Scholze hat betont, dass er von den Opfern erzählen will, und lehnt es, unter anderem im Beitrag zum Programmheft, ab, die Täter in den Mittelpunkt zu rücken, wie es in ersten Theaterbearbeitungen zum Thema der Fall ist. Er hat das Buch Semiya Simseks in eine Bühnenfassung gebracht und setzt nur drei Schauspieler ein, um den Rahmen intim zu halten. Auch die Ausstattung ist karg, Blumen liegen auf der dunklen Bühne. Es wird eine Familie gezeigt, die in Deutschland etwas erreichen will, um eines Tages in die türkische Heimat zurückkehren zu können. Die Tochter (Susanna Mucha) sagt, wie gern sie mehr Zeit mit ihrem in seinem eigenen Blumengroßhandel hart arbeitenden Vater verbringen würde. Die Mutter, Adile, verlangt, dass ihre Kinder gut in der Schule mitarbeiten. Sie sollen etwas werden.

Der Mord reißt den Vater aus der Familie. Susanne Kubelka als Adile Simsek hält den Befragungen stand, so gut sie kann, und beteuert, dass sie an die gute Arbeit der Polizei glaube. Da ist die zweite Tat, die die Familie zeichnet, im vollen Gange: Die Behörden bezichtigen die Simseks über Jahre, für den Mord selbst verantwortlich zu sein. Die Szenen zwischen Neven Nöthig als Polizist (er spielt auch Enver Simsek und Adiles Bruder) und Susanne Kubelka verströmen eine starke Intensität. Er kriecht in die angstvoll Fassung bewahrende Frau praktisch hinein. Als ein Polizist in die Wohnung kommt, kommt es zu einer traurigen Reihe kultureller Missverständnisse. Nöthigs Beamtem ist der Widerwille ins Gesicht geschrieben. Solche Momente vermitteln mehr als Betroffenheit; für ein paar Augenblicke wird vorstellbar, dass die Familien zweimal Opfer geworden sind. Auch ein paar Kilometer von Castrop entfernt, in Dortmund, ermordete der NSU 2006 einen Menschen.

Eine Antwort sucht Scholze in Semiya Simseks eigenen Worten. Sie hielt 2013 eine Rede vor dem Bundestag. Sie sagte darin: „Wir alle, gemeinsam – nur das kann eine Lösung sein.“

Termine ab Februar in Castrop-Rauxel, Tel. 0 23 05 / 97 80 20,

http://westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das Login-Formular anmelden.
Netiquette
Hinweis: Kommentieren Sie fair und sachlich! Rassistische, pornografische, menschenverachtende, beleidigende oder gegen die guten Sitten verstoßende Äußerungen sind verboten und werden gelöscht.

Kommentare