Streit um Straßennahmen: Warnung vor „fragwürdigen Ehrungen“

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Heimatdichter und Nazi-Sympathisant: Karl Wagenfeld (1869–1939) ▪

Von Elisabeth Elling ▪ MÜNSTER–Karl Wagenfeld ist der Häufigste. Rund 70 Straßen, Wege, Plätze und sogar Schulen sind in Westfalen nach dem westfälischen Heimatforscher und Mundartdichter (1869-1939) benannt. Es waren schon mal mehr, mancherorts wurden die Schilder abgeschraubt. Wagenfelds Nähe zum Nationalsozialismus ist zum Thema geworden.

Den Fall Karl Wagenfeld und andere „Fragwürdige Ehrungen“ hat gestern eine Tagung des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) in Münster thematisiert. „Straßennamen als Instrument von Geschichtspolitik und Erinnerungskultur“: Vielerorts wird erbittert gestritten um Straßenschilder für den Sportfunktionär Carl Diem, für den Psychiater Hermann Simon, für Schriftstellerinnen und Schritsteller wie Agnes Miegel, Josefa Berens-Totenohl, Christine Koch, Maria Kahle, Friedrich Castelle oder eben Karl Wagenfeld. Gegen Straßen-Umbenennungen laufen meist Anwohner Sturm, die sich nicht den bürokratischen Aufwand einer neuen Anschrift aufbürden lassen wollen.

Die Verantwortung der umstrittenen Namensgeber ist schwer zu fassen. Sie waren keine Nazis der ersten Reihe – Adolf-Hitler-Straßen und Hermann-Göring-Plätze gab es schon 1945 nicht mehr. Aber sie waren „Vor- und Mitläufer“, wie LWL-Historiker und Wagenfeld-Experte Karl Ditt sagt. Wagenfelds Einstellungen beschreibt das „Lexikon Westfälischer Autorinnen und Autoren“ (1990) so: „Neger, Kaffern und Hottentotten sind Halbtiere, Fremdrassige sind Volksverderber und Schädlinge, Menschen in ‚Krüppel- und Idiotenanstalten‘, in Fürsorgeheimen und Strafanstalten sind körperlich und geistig Minderwertige“.

Walter Gödden von der LWL-Literaturkommission veranschlagt die Zahl solcher „Grenzfälle“ unter Autorinnen und Autoren in Westfalen auf rund 60; etwa 20 von ihnen seien auf Straßenschildern zu finden, etwa die Sauerländerinnen Christine Koch (1869-1951) und Maria Kahle (1891- 1975). Dorthin seien viele erst in der Bundesrepublik gelangt. Dabei spreche aus heutiger Sicht nicht nur die Nähe zum Nationalsozialismus, sondern auch die literarische Qualität gegen eine solche Ehrung, während in den 1950er Jahren gleichzeitig Autoren wie Peter Paul Althaus oder Paul Schallück ignoriert worden seien.

Die Verbreitung heikler Straßennamen unterscheide sich von Stadt zu Stadt, so der Paderborner Historiker Rainer Pöppinghege, der Hamm, Dortmund, Münster und Detmold verglichen hat. Während in Münster noch eine Skagerak-, Langemarck- und Tannenbergstraße an Schlachten des Ersten Weltkriegs erinnerten und sogar eine Ostmark-Straße an den „Anschluss“ Österreichs 1938, hätten die Dortmunder und Hammer Stadtväter kaum zweifelhafte Straßennamen übrig gelassen – was Pöppinghege mit „mehr Ratsherren aus der Arbeiterbewegung“ erklärt.

Eine „schwarze Liste“ oder „Unbedenklichkeitserklärungen“ seien jedoch nicht das Ziel, sagt der Historiker Mathias Frese vom LWL-Institut für Regionalgeschichte, der die Tagung konzipiert hat. Die Frage, „ob die Ehrung durch einen Straßennamen tragbar“ sei, müsse vielmehr vor Ort von Stadträten und Bezirksvertretungen entschieden werden. Das Institut für Regionalgeschichte und die Literaturkommission könnten allerdings ihr Expertenwissen bereitstellen.

Drensteinfurt, wo Karl Wagenfeld aufwuchs, hat übrigens immer noch eine Wagenfeldstraße. Mit einem Ergänzungsschild: „Karl Wagenfeld (1869-1939) gründete 1915 den Westfälischen Heimatbund, überlieferte als Dichter die niederdeutsche Sprache seiner Drensteinfurter Jugendzeit, heute wegen seiner Förderung des Nationalsozialismus umstritten.“

Quelle: wa.de

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