Stöhrer-Retrospektive in Duisburg

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Vehementer Farbauftrag: Walter Stöhrers Bild „Scholderup und all das“ (1993).

DUISBURG – Das Bild und sein Maler scheinen zunächst nicht zusammen zu passen. Die  aggressiv wirkenden Übermalungen, die vor Farbe, Energie und Wut strotzenden Dämonen, Fratzen und Körperteile auf den Leinwänden – und ihr Schöpfer. Schlank, mit Kurzhaarfrisur, Oberlippenbart und Lesebrille sitzt Walter Stöhrer vor der Kamera und erzählt, wie seine Erziehung die Kunst beeinflusste. Die Zigarette in seiner Hand steckt auf einer Spitze. Von Annette Kiehl

Sieht man den Künstler jedoch bei der Arbeit, fügen sich diese unterschiedlichen Eindrücke zusammen. Entschlossen schreibt er Texte kraftvoll und konzentriert auf eine Leinwand, mit Wucht dreht er das Bild um und bearbeitet es mit einem großen Pinsel. Ein Kraftakt, der auf einer hohen Reflexion beruht und dem ein langer Prozess vorausgeht.

Das Museum Küppersmühle in Duisburg präsentiert in der Retrospektive „Kraftfelder“ das Werk Walter Stöhrers. Der im Jahr 2000 verstorbene Künstler galt als rebellischer Einzelgänger der deutschen Kunst, als exzessiv und extrem. Die Ausstellung in Duisburg, die den Maler mit einer ersten umfassenden Werkschau im Ruhrgebiet ehrt, scheint diese Attribute zunächst zu bestätigen. Die großformatigen Leinwände strotzen vor Kraft; Farben und Striche treffen wild aufeinander, Buchstaben verschwinden in einem dunklen Strudel. Chaos. Doch der Blick zurück auf die künstlerische Entwicklung Stöhrers offenbart die Vielschichtigkeit seiner Arbeiten und ihre komplexe Entstehungsgeschichte. Sie zeigt den zuletzt in Scholderup in Schleswig-Holstein lebenden Künstler als figurativen Maler. Das Chaos ist also nur oberflächlich, vorübergehend.

Stöhrer selbst beschreibt seine Motive als Figuren- und Sprachalphabete. Und diese werden besonders gut bei einem Blick in den hinteren, fensterlosen Ausstellungsraum in der Küppersmühle sichtbar. Eine Art Kabinett mit kleineren Formaten ist hier zu sehen. Die Tuschebilder der Serie „Rapunzel und Anderes“ von 1991 zeigen mit groben Strichen angedeutete Personen in Auseinandersetzungen, Kämpfen und Tänzen. Sie verschlingen sich, verschmelzen im Dunklen. Die sechs gegenüber stehenden, unbetitelten Bilder verhandeln noch deutlicher die Sexualität als eine archaische Energie. Wild, ungebremst, ohne Weichzeichner – so wirken die mit schwarzem Stift ausgeführten Zeichnungen von Figuren mit auseinander gespreizten Beinen, großen Brüsten und gereckten Armen. Ein Ausbruch.

Grundlage für die Kunst Walter Stöhrers ist die Literatur, das zeigt die Schau in mehrfacher Hinsicht. „Sie fließt in mein Hirn hinein und ich transportiere, visualisiere und male sie“, beschreibt der Künstler die Texte als Inspirationsquelle und gestalterisches Element. Einige Bildtitel verweisen auf Autoren. „Granatapfel – Hommage à Valéry“, zum Beispiel. Das großformatige Gemälde bezieht sich auf das Gedicht „Die Granaten“ von Paul Valéry, das die Gedanken eines Dichters mit in der Sonne aufplatzenden Granatäpfeln gleichsetzt. In Stöhrers malerischer Übersetzung dieses Sonetts zeigt er einen roten Farbschwall über Valérys Text, dick durchkreuzt von schwarzer Farbe.

Trotz solcher Hinweise verweigern sich Stöhrers Arbeiten einer schnellen oder gar vollständigen Deutung, bleiben oft rätselhaft. Der Maler, der seit 1986 als Professor an der Berliner Hochschule der Künste lehrte, erklärte deutlich, dass er Bilder nie „zu Ende“ male. Er wolle immer ein Stück offen lassen und dem Betrachter Freiheit geben, das Werk ganz persönlich zu lesen.

Das fällt bei Bildtiteln wie „Schlachtet den Vater“ zunächst nicht ganz leicht, so martialisch klingt der Name dieser Serie von 1969. Doch auch hier geht es vielmehr um Neuentstehung als um Mord. Der Künstler HAP Grieshaber wählte seinen begabtesten Schüler Stöhrer damals aus, seine Werke vor Publikum zu übermalen. Neue Kunst sollte geboren werden, auch als Gegenaktion zu studentischen Unruhen in dieser Zeit, die den radikalen Traditionsbruch forderten. Tatsächlich löschte Stöhrer ganze Partien von Grieshabers „Wandzeitung“ aus, übermalte sie beherzt mit kräftigen, dunklen Kohlestrichen. Die Figuren, die der Lehrer ursprünglich gezeichnet hatte, wurden zur hintergründigen Struktur des neuen Gemäldes. Manche wirken nun durch andere Farben ganz lebendig, scheinen Hosen zu tragen, andere wechselen dank aufgemalter Brüste das Geschlecht. Sie fügen sich fast schon zu einer gemalten Geschichte zusammen. Es scheint, als blitze ein wenig Komik in der Kunst Stöhrers auf.

Quelle: wa.de

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