Stockmanns Stück „Der Mann der die Welt aß“ am WLT

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Unfriedliche Familienverhältnisse: Szene aus „Der Mann der die Welt aß“ in Castrop-Rauxel mit Bülent Özdil (oben) und Jürgen Mikol. ▪

Von Ulrike Dietz ▪ CASTROP-RAUXEL–Die Linsensuppe steht im Kleiderschrank. Hat er sich wirklich im Schlaf die Zunge abgebissen? Brandblasen hat er, dabei wollte er bloß fühlen, ob die Herdplatte heiß ist. Andauernd passiert ihm „etwas ganz Komisches“. Dazu diese Vergesslichkeit. Dabei ist er erst 67 Jahre alt, steht noch voll im Berufsleben. Beunruhigt ruft der Vater seinen Sohn an, erzählt ihm von Missgeschicken und von der Grippe.

Der Telefondialog im Stück „Der Mann der die Welt aß“, das Ralf Ebeling am Westfälischen Landestheater Castrop-Rauxel inszeniert hat, ist lustig. Eine typische Vater-Sohn-Kabbelei, die jeder schon erlebt hat. Schnell ist jedoch klar: Der Vater (Jürgen Mikol) hat Demenz, der Sohn (Bülent Özdil) ist mit der Situation und mit seinem Leben überhaupt überfordert.

Während des Stücks von Nis-Momme Stockmann ist der Zuschauer hin- und hergerissen zwischen Belustigung und Beklemmung, zwischen Mitgefühl und Empörung. Die tragische Figur ist jedoch nicht in erster Linie der demenzkranke Vater, sondern vielmehr sein Sohn. Dieser hat seinen Job verloren. Seine Frau ist ebenfalls weg, die Kinder entfremden sich von ihm. Fast möchte man Mitleid mit ihm haben, wie er mit dem Vater ziemlich allein dasteht. Wäre da nicht die cholerische Art, mit der er seine Familie und seinen angeblich besten Freund behandelt.

Bülent Özdil überzeugt als Sohn, der an seinem Leben scheitert. Glaubhaft stellt er die Zerrissenheit und Verzweiflung, aber auch die Verschlagenheit des Charakters dar. Etwa dann, wenn er seine Ex-Frau Lisa (Julia Gutjahr) nach ihrem heftigen Gefühlsausbruch küsst, dann aber abbricht, um sie plump um Geld anzupumpen. Jürgen Mikol stellt die Demenzerkrankung durch kleine Gesten dar, beispielsweise, wenn er zerknirscht beichtet, was ihm wieder „Komisches passiert“ ist. Sein Problem wird offensichtlicher, wenn er nackt mit einer Dose Linsensuppe auf der Bühne steht.

Das Bühnenbild besteht im Wesentlichen aus zwei Stühlen und einer Holzkiste, die mal Kleiderschrank, mal Schreibtisch ist. Leinwände mit Video-Projektionen beleben die sonst eher spartanische Szenerie (Ausstattung: Jeremias Vondrlik). Ebeling arbeitet ebenfalls mit Videotechnik, wenn die Figuren miteinander telefonieren (Videos: Kristoffer Keudel). Die Bühne ist dreigeteilt, in der Mitte ist stets der Sohn. Links oder rechts daneben befinden sich seine Gesprächspärtner hinter einer Art Gaze-Stoff. Sie werden per Kamera aufgezeichnet, ihr Gesicht auf eine Leinwand an der gegenüberliegenden Bühnenseite projiziert. Dort erscheinen sie überlebensgroß und machen die nahezu unlösbaren Probleme der Hauptperson auch visuell fassbar.

Während die Protagonisten am Telefon eher distanziert wirken, kommt es zu heftigen Reaktionen, wenn sie real aufeinandertreffen. So macht Julia Gutjahr als Lisa ihrem Ex-Mann bei einem seiner Besuche eine Szene. Sie schreit, weint und hämmert mit den Fäusten auf den Esstisch. Später zerrt der Sohn seinen nackten Vater aus dem Kleiderschrank, reißt ihn zu Boden und setzt sich auf ihn. Brüllend zwingt er ihn, zuzugeben, dass er ein schlechter Vater sei. Die Beziehungen der Charaktere untereinander sind kaputt, eine normaler Umgang miteinander unmöglich. Hilflosigkeit manifestiert sich in Gewalt, die den Zuschauer mit einem unbehaglichen Gefühl zurücklässt.

21. bis 24.3., 10. bis 12.4., WLT-Studio, Castrop-Rauxel. Tel. 02305/ 978020, www. westfaelisches-landestheater.de

Quelle: wa.de

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